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Otto Julius Bierbaum: Adorant der Schönheit und Förderer der Kultur

von tergast

Es könnte sein, daß manch sangbares Lied seines Mundes noch lebt, wenn vieles, was heute gewichtiger dünkt, vergessen ist.“ Kein geringerer als Thomas Mann schrieb diese Zeilen 1910, nachdem am 1. Februar des Jahres ein Literat gestorben war, dessen Name heute, entgegen Manns Hoffnung, dem Vergessen anheim gefallen zu sein scheint.

Otto Julius Bierbaum war ein Literat, und er war auch wieder keiner, wie Richard von Schaukal in seinen Betrachtungen Über Dichter bemerkt hat: „Nein, ein Literat ist er mir nie gewesen. Das hat er nicht sein können, weil er zuviel überschüssiges Menschliches besaß.“ Der scheinbare Widerspruch, dass da einem, der zeit seines Lebens in allen denkbaren Formen geschrieben hat, das Literatentum abgesprochen wird, lässt sich leicht auflösen. Schaukals Hinweis auf das „Menschliche“ deutet bereits die Richtung; endgültig klar wird der Unterschied, der hier gemacht wird, wenn man einen Blick in Arthur Schnitzlers schmales Bändchen Der Geist im Wort und der Geist in der Tat wirft. Schaukals und Bierbaums Zeitgenosse, bis heute vielleicht der Größte unter den Wienern, beschreibt dort in Diagrammform, dass es noch längst nicht dasselbe ist, wenn zwei das Gleiche tun. Schreiben, mithin viel schreiben, kann nach Schnitzler sowohl der Dichter als auch der Literat. Wem Schnitzler dabei welchen Stellenwert zumisst, wird deutlich, wenn man sieht, dass im Diagramm zum „Geist im Wort“ nur noch der „Tückebold (Bösewicht)“ sowie der „Teufel“ (!) unter dem Literaten rangieren, während im Diagramm zum „Geist in der Tat“ dem Literaten der „Schwindler“ entspricht, dem „Dichter“ jedoch der „Held“.

Nun, ob Bierbaum ein Held, ein echter „Dichter“ im Schnitzler’schen Sinne war, mag man dahingestellt sein lassen. Schaukal jedenfalls bezweifelte auch das: „Aber die freundschaftlichste Zuneigung darf das Urteil nicht beirren: sein literarisches Werk steht nicht auf der Höhe seines Menschentums.

Man erkennt leicht, woher das Urteil Schaukals rührt, wenn man sich Leben und Werk des 1865 in der niederschlesischen Stadt Grünberg geborenen Bierbaums anschaut. Bierbaum wuchs in Leipzig auf, studierte dort auch, war aktiv beim Corps Thuringia Leipzig, einer 1807 gegründeten und bis heute aktiven Studentenverbindung; das Studium jedoch konnte er aus finanziellen Gründen nicht beenden. Es zog ihn daraufhin nach München, wo er künftig das kulturelle Leben der Stadt wesentlich mitprägen sollte.

Der Grund dafür, dass neben Schaukal etwa Ernst von Wolzogen über Bierbaum urteilte, er sei „ein reicher Verschwender, ein frommer Heide“ und ihm auch attestierte, es sei ihm „nicht vergönnt, ein ganz Großer zu werden“, ist darin zu suchen, dass Bierbaum im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen zweierlei über alles ging: die Schönheit und die Freude. Die Schönheit des Lebens, die Schönheit der Sprache, die Schönheit des Genusses, all dies war leitmotivisch für sein gesamtes Schaffen und führte dazu, dass seinem Werk bisweilen ein Ton innewohnt, der als zu anspruchslos beurteilt worden ist. Doch Bierbaum stand immer zu diesem Zug seiner Persönlichkeit und seines Schaffens: „Schönheit ist der Sinn der Welt. – Schönheit genießen heißt, die Welt verstehen“, schrieb der selbsternannte „Adorant der Schönheit“ einmal und setzte sich damit auch bewusst vom gedankenschweren, endzeitgestimmten und melancholischen Ton seiner Zeit ab. Letzterer hat bis heute überdauert und gilt in der Literaturgeschichte als zeitprägend, Bierbaum hingegen steht für das Leichte in der Jahrhundertwendeliteratur; er gilt mitunter gar als Erfinder des „Schlagers“, der bis heute der Erbauung hochkulturell eher unbedarfter Schichten zugeschrieben wird.

Doch Bierbaums umfangreiches Werk, das vor allem im Bereich der Lyrik von der vollen Größe seiner Schaffenskraft zeugt, darf als unterhaltend im besten Sinne gelten. Wem nach all der Schwermut in vielen Texten der Zeit die Stimmung vergällt ist und der Sinn nach Verspieltem und Sinnenfreudigem steht, der ist mit den Romanen, den Liedern und den Versen des lebenslustigen Bayern mit schlesischen und sächsischen Wurzeln bestens bedient.

Von den Romanen sind vor allem Stilpe (1897) und Prinz Kuckuck (1906-07) erwähnenswert, erregten diese doch durchaus öffentliches Aufsehen. Prinz Kuckuck etwa darf als Schlüsselroman gelten, der Bierbaums Mitgründern der Insel, Rudolf Alexander Schröder und Alfred Walter Heymel, ein nicht eben schmeichelhaftes literarisches Denkmal setzte. Proteste und Prozesse waren die Folge. Doch Bierbaum wäre nicht Bierbaum, hätte ihn derlei Anfeindung tangiert. Er frönte lieber weiter der Leidenschaft, heiratete zweimal und unternahm viele Reisen, die, wie sollte es anders sein, Stoff für neue Bücher mit sich brachten. Eines davon, Eine empfindsame Reise im Automobil von Berlin nach Sorrent und zurück an den Rhein (1903), gilt als das Buch, welches das Auto in die deutsche Literatur eingeführt hat. Kurz vor Bierbaums Tod erschien 1909 ein weiteres Reisebuch mit dem schönen Titel Yankeedoodlefahrt.

Über all dem sollte aber nicht in Vergessenheit geraten, dass Bierbaum ein wichtiger Förderer von Kunst und Kultur war. Die Erfindung der berühmten Zeitschrift Die Insel, Keimzelle des gleichnamigen Verlages, geht ebenso mit auf sein Konto wie die Geburt der Zeitschrift Pan, die Herausgabe eines Goethe-Kalenders oder die Gründung des Münchner Vereins für modernes Leben. Auch darf Bierbaum als bedeutender Unterstützer der Buch- und Druckkunst gelten, die zu seiner Zeit einen kaum jemals wieder erreichten Höhepunkt zu verzeichnen hatte.

Bierbaums Leben und Werk sind mithin als Gesamtkunstwerk zu begreifen, die ein höchst interessantes Schlaglicht auf das kulturelle Treiben der frühen Moderne werfen und diese dem Leser in ihrer ganzen kulturellen Vielfalt vor Augen führen. Es gilt, in Bierbaum vielleicht keinen Dichter im Schnitzler’schen Sinne, ganz sicher aber auch keinen Literaten wiederzuentdecken, sondern einen, der das Schreiben als das begriff, was es auch heute bisweilen noch sein kann und vielleicht sollte: als Ausdruck des persönlichen Innersten zur Freude und Erbauung des geneigten Lesers.

10. November 2008

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