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Sherko Fatah: Ein saumseliger Zaungast

von litprom

Von Grenzerfahrungen, topografisch wie mental, handeln die Romane von Sherko Fatah, der in seiner Muttersprache über sein Vaterland, den Irak, schreibt. Das ist wörtlich zu verstehen, ist er doch im November 1964 als Sohn eines irakisch-kurdischen Vaters und einer deutschen Mutter in Ostberlin geboren. Für seinen Roman Das dunkle Schiff (Jung und Jung 2008) wurde er in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Monika Carbe hat sich umfassend mit Autor und Werk beschäftigt.

Von Kindheit an hat Sherko Fatah erlebt, wie Schranken sich öffnen und schließen, Pässe kontrolliert, gestempelt oder für nichtig erklärt werden. Er kennt die Erfahrungen der mütterlichen Familie ebenso wie die traumatischen Erlebnisse der Verwandtschaft seines Vaters und beschreibt in seinen Romanen die Auswirkungen von Diktatur, Kriegen und brutal ausgetragenen Konflikten unversöhnlicher Feinde, die zuvor manches Mal Freunde waren. Oft geht es um Machtproben oder religiös geprägte Auseinandersetzungen, um den Seitenwechsel, um Linientreue – und Verrat. Vor allem aber schildert Fatah, wie Gewalt und Einschüchterung auf junge oder alte Männer wirken, die sich der Macht beugen und dadurch verbiegen müssen.

Als Kind lebte Sherko Fatah in der DDR und oft wochen-, wenn nicht monatelang mit den Eltern im Irak. Exil, Wertewechsel und Verfremdung, genauer gesagt: den Perspektivenwechsel zwischen den Kulturen, hat er mehrfach persönlich erfahren, wenn auch immer in einer formal durch den Pass geschützten Position. Von irakischer Seite ist es ein ererbtes, von deutscher Seite ein fast schon surrealistisches Exil, wenn man es von heute aus, aus der Distanz von über 30 Jahren betrachtet. Die Familie verließ schon 1975 die DDR, als Sherko zehn Jahre alt war, lebte eine Zeitlang in Wien und ging von dort aus nach Westberlin. Dort besuchte er ein Gymnasium, begab sich nach dem Abitur 1985/86 auf die Kavalierstour der Postmoderne, das heißt, er reiste nach Indien, Bangladesh und Nepal, studierte, ebenfalls in Westberlin, Philosophie und Kunstgeschichte, schloss sein Studium ab und begann ab 1996 an seinem ersten Roman zu schreiben. Vom Jahr 2000 an wurden seine Texte in Anthologien und Zeitschriften wie den Grazer Manuskripten veröffentlicht, und als Im Grenzland (Jung und Jung 2001) erschien, wurde das Buch nicht nur mit dem aspekte-Literaturpreis 2001, sondern ein Jahr später auch mit dem Sonderpreis des Deutschen Kritikerpreises für das bemerkenswerteste Prosadebüt ausgezeichnet.

Wenn Sherko Fatah darin die Erfahrungen eines Schmugglers schildert, ist er nur scheinbar „saumseliger Zaungast“, wie er seine Rolle als Schriftsteller in einem Interview anlässlich der Verleihung des Heidelberger Hilde-Domin-Preises für Literatur im Exil (2007) definierte. Diskret versteckt er sich als Erzähler hinter dem „zugereisten Gast“, der „nach der Überwindung von ein paar tausend Kilometern per Flugzeug und mit geländegängigem Sammeltaxi durchs Gebirge“ im Norden des Irak ankommt, dort, wo das Land an die Türkei und den Iran grenzt. Es ist eine raffinierte Verknüpfung von Autobiografischem und Fiktionalem, da der Erzähler als Neffe des Schmugglers zum Beobachter der Ereignisse auf vermintem Gelände wird und dabei Gast bleibt, allerdings weniger saumselig, weniger träge und nachlässig als Fatah sich selbst – ironisch – beschreibt.

Mit dem Wissen des Insiders erzählt er vom Leben in den Häusern der Stadt, von der Depression, die alle Einwohner seit dem letzten Golfkrieg erfasst hat. Er beginnt aus der Perspektive des Besuchers aus Europa, setzt die Geschichte dann jedoch aus der Innensicht des Mannes fort, der sich Jahre zuvor entschieden hat, begehrte Waren wie Wodka, Zigaretten, Laptops und sonst noch alles, was sich im Rucksack verstauen lässt, als Einzelgänger hinüber und herüber zu schmuggeln, in den Iran, in die Türkei und zurück, eine lukrative Tätigkeit, die nicht nur von der Familie, sondern auch vom Geheimdienst stillschweigend geduldet wird, und die Grenzsoldaten begnügen sich mit Dollarbündeln. Dramatisch wird es, als der älteste Sohn des Schmugglers sich so sehr mit den Zielen einer islamistischen Vereinigung identifiziert, dass keine Verständigung mehr möglich ist; man warnt den Vater vor dem schädlichen Einfluss, jedoch zu spät, da er jede Autorität über den Jungen verloren hat. Der Sohn wird schließlich getötet, und mit dem Trauerritual im Haus der Mutter beginnt der Roman; als Rückblende, mit ineinander verschachtelten Geschichten. Und berichtet dann vom Leben des Schmugglers, von seiner Einsamkeit, von den Gefahren in rauer Landschaft und seiner durch zahllose Demütigungen verkrümmten Psyche.

Novellencharakter hat die nächste Veröffentlichung: Donnie (Erzählung. Jung und Jung 2004), die an einem geografisch kaum bestimmbaren Ort spielt und zeigt, dass man den Autor auf keinen Fall allein auf das Thema der Beziehungen zwischen den kurdischen Regionen in den Ländern des Nahen Ostens bzw. der Türkei und Deutschland festlegen sollte, denn auch andere Stoffe behandelt er mit der gleichen Souveränität, detailgenau und mit dem langen Atem des Erzählers, der trotzdem seine Leser nicht langweilt.

Das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste, das Sherko Fatah 2003 erhielt, erlaubte ihm, ohne Existenzsorgen an seinem nächsten Roman Onkelchen (Jung und Jung 2004) zu arbeiten. Schauplätze sind Berlin und – wieder – die kurdischen Berge. Bizarr ist der Anfang und spannend die Handlung; ebenso spannend aber das Geschehen in seinem zuletzt erschienenen Buch Das dunkle Schiff, wird darin doch das Schicksal eines jungen Irakers, Kerim, von dessen Kindheit an verfolgt. Nach dem Tod des Vaters übernimmt dieser als ältester Sohn mit ruhiger Selbstverständlichkeit die Verantwortung für die Mutter und seine Geschwister. Seit Generationen steht die Familie der Religion, d.h. dem Islam, indifferent gegenüber, doch auf einer seiner Reisen in die Berge, wieder im Grenzland von Irak, Iran und der Türkei, wird Kerim entführt – und verführt, sich einer Geheimgesellschaft religiöser Fanatiker mit internationalen Verbindungen anzuschließen. In ihm vollzieht sich ein Bewusstseinswandel, doch nach seiner Rückkehr zur Familie treiben ihn Schuldgefühle ins Exil. Er erkauft sich eine Schiffspassage als blinder Passagier, wird ausgesetzt und kommt auf Umwegen zu einem vor Jahrzehnten emigrierten Onkel nach Berlin, der die aktuelle politische Entwicklung mit Kopfschütteln, aber auch recht abgeklärt verfolgt. Die Vergangenheit in den Bergen holt Kerim schließlich in einer der Berliner Moscheenvereine ein und als Feind der extremistischen Bewegung, der er einst angehörte, wird er erstochen. Das dunkle Schiff ist ein Abenteuerroman, in dem das Thema der Verstrickung in religiösen Fanatismus einen Berichterstatter gefunden hat, der sein Sujet beherrscht.

Zum Schluss noch ein Wort zur Schilderung der Liebe und der Frauen: Da wird eine gewisse Scheu deutlich; ja, alle Romanhelden Fatahs erleben auch die Liebe, aber manchmal hat man den Eindruck, einige Frauen huschten nur als Mütter, Tanten und Cousinen, kaum Beteiligte vorbei, andere wiederum waren, wie die Schwester des Schmugglers in Im Grenzland, so erfährt man im Schlusskapitel, einst Anlass für erste sexuelle Erfahrungen, allerdings ein wenig verschämte.

Monika Carbe ist freie Kulturjournalistin und Übersetzerin aus dem Englischen und Türkischen, außerdem Vorsitzende des Kulturvereins Transfer zwischen den Kulturen. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Ihr hier veröffentlichtes Porträt stammt aus der im Oktober 2008 erschienenen Herbstausgabe der LiteraturNachrichten, die Sie über www.litprom.de beziehen können.

5. November 2008

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