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Das Erbe der Dekabristen, Teil 1

von wietek

Der Anfang des ersten Essays in der Kolumne Russlands romantische RevolutionäreRussische Schriftsteller der Emigration(en) – lautete:

„Ohne die vielen russischen Dichter, Komponisten, Musiker und Künstler aus dem 18. und 19. Jahrhundert ist die europäische und besonders die deutsche Kultur nicht denkbar – und selbst danach, zu Beginn bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, haben die verschiedenen Emigrantenwellen ungeheuer befruchtend auf unser Geistesleben gewirkt, – wieweit das auch für die neueren Wellen gilt, wird man erst rückblickend sagen können.
In Russland waren Politik und Literatur schon immer eng miteinander verquickt; Dichter waren weit mehr als im Westen das soziale Gewissen der Nation. Schon Puschkin, der für den Beginn der russischen Literatur steht, musste leidvolle Erfahrungen hinnehmen.“

Für keine Zeit in der Geschichte Russlands trifft das Gesagte mehr zu als für die, von der hier die Rede sein soll. Allerdings kann man ab dem Beginn des russischen Realismus nicht mehr von „romantischen“ Revolutionären sprechen. Ab diesem Zeitpunkt gab es nicht mehr den Hauch von Romantik – und wenn, dann doch immer mit einem leicht bitteren Beigeschmack.

Zu den historischen und kulturellen Entwicklungen im Europa des 19. Jahrhunderts

Mit dem Wiener Kongress 1815, nach dem Sieg über Napoleon, wurde Europa wieder bzw. neu geordnet. Die Herrscher grenzten ihre Einflussgebiete ab und festigten ihre Stellung nach außen und nach innen. Es begann die Zeit der Restauration. Doch so gut sich die Herrscher auch miteinander arrangierten und etablierten, in dieser Zeit brodelte es in ganz Europa. Jetzt standen nicht mehr die Völker gegeneinander, jetzt gärte es innerhalb der Völker. Die Ideale der französischen Revolution waren in den Menschen lebendig geblieben; hinzu kamen ethnische Konflikte, die durch Grenzziehungen und neue Herrschaftsbereiche entstanden waren; Aufstände und Revolutionen waren an der Tagesordnung und mündeten schließlich in die europaweite Revolution von 1848, die die Herrschenden jedoch relativ schadlos überstanden.
Auf die Revolution folgte die Zeit der Reaktion, in der dem Volk gemachte Zugeständnisse zurückgenommen oder im herrschaftlichen Sinn verändert wurden. Aber auch wenn sich an den Herrschaftssystemen wenig geändert hatte – spurlos geblieben waren die revolutionären Ereignisse nicht. Politische Freiheiten waren nicht vollständig wieder abzuschaffen und die Menschen verfolgten Entwicklungen auch über die Grenzen hinweg. Trotz aller Zensur und anderer restriktiver Maßnahmen konnten Zeitungen und Zeitschriften informieren; die nationalen Intellektuellen bekamen immer mehr Gewicht und die internationalen Emigranten verbreiteten ihre Gedanken.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte zudem die Industrialisierung begonnen und nahm (bei unterschiedlicher Geschwindigkeit in den einzelnen Ländern) bis Ende des Jahrhunderts immer größere Ausmaße an; eine neue Klasse entstand, mit eigenen Interessensvertretungen und den bekannten Problemen; neue Parteien entstanden und 1848 hatte Karl Marx das Kommunistische Manifest veröffentlicht, das in den folgenden Jahrzehnten an Bedeutung gewann.


   Carl Spitzwegs “Sonntagsspaziergang”,
   spätromantisches Gemälde von 1841

Kulturgeschichtlich begann mit dem Ende des 18. Jahrhunderts – sozusagen als Antwort auf die Zeit der rationalen Aufklärung – die emotionale Romantik, die erst mit der Revolution von 1848 europaweit ein ziemlich abruptes Ende fand.
Die Romantiker erstrebten die Heilung der Welt; für sie war die Welt durch die Aufklärung in Vernunft und Gefühl gespalten worden und sollte nun wieder in Harmonie zusammengeführt werden.
Für die Literatur sind für diese Zeit zu nennen (wobei diese Liste wie auch alle nachfolgenden keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und keine Wertung transportieren, sondern dem Leser lediglich Beispiele nahe bringen will, die ihm eine Einordnung ermöglichen): Friedrich Hölderlin, Joseph von Eichendorff, die Gebrüder Grimm, Novalis (mit seiner „blauen Blume“, die zum Symbol der gesamten Romantik wurde), E.T.A. Hoffmann, der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz, in Frankreich Alexandre Dumas, Victor Hugo und in England Lord Byron. Bedeutende Maler waren Caspar David Friedrich, William Blake und WilliamTurner in England und in Frankreich Eugène Delacroix; wichtige Musiker Johannes Brahms, Franz Schubert, Robert Schumann, Carl Maria von Weber, in Frankreich Hector Berlioz und George Bizet, in Italien Nicolo Paganini sowie Frédéric Chopin aus Polen.

In Deutschland bildeten sich mit Beginn des 19. Jahrhunderts in der Literatur zwei politische Varianten der Romantik aus: das Biedermeier und der Vormärz. Das Biedermeier war insofern politisch, als es bewusst apolitisch war – es ignorierte alle politischen und gesellschaftlichen Veränderungen und flüchtete in eine selbst gemachte heile Welt. Seine Vertreter waren Franz Grillparzer, Eduard Mörike, Annette von Droste-Hülshoff und Adalbert Stifter (in frühen Jahren), aber auch die Autoren, die für Literaturkalender und Hauszeitschriften Trivial-Literatur verfassten.

Die Schriftsteller des Vormärz hingegen – Georg Büchner, Heinrich Heine, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (von dem der Text der deutschen Nationalhymne stammt) oder Bettina von Arnim – engagierten sich politisch oppositionell. Die engagiertesten unter ihnen, das so genannte Junge Deutschland, forderten gar eine Revolution, um die gesellschaftliche Situation radikal zu ändern. Auf Beschluss des Deutschen Bundestages vom 10. Dezember 1835 wurden die Werke einiger von ihnen verboten. Heinrich Heine, der sich aus literarischen Gründen von den Radikalen distanziert hatte, gehörte ebenfalls zu den Verbotenen – er ging danach endgültig ins Exil nach Paris. Seine Literatur sollte später in Russland eine wichtige Rolle spielen; zu Sowjetzeiten rangierte er der Bedeutung nach gleich hinter Goethe.

Mit der Revolution von 1848 war der Romantik der Boden unter den Füßen weggezogen. An der harten, widerspruchsreichen Realität gab es kein Vorbeikommen mehr. Die soziale und politische Wirklichkeit war aufgrund der zunehmenden Ausbreitung von Industrialisierung und Kapitalismus mit den entsprechenden gesellschaftlichen Folgeerscheinungen eine andere geworden.
Nun, in der Epoche des Realismus, sahen es die Schriftsteller als ihre Aufgabe an, die objektiv betrachtbare Welt mit künstlerischen Mitteln zu beschreiben, und zwar ohne alles Metaphysische, ohne eigene Interpretationen oder Wunschvorstellungen, dafür aber im Glauben an eine positive Entwicklung der Menschheit. (Auf die einzelnen Unterströmungen bis hin zum Naturalismus einzugehen, würde hier zu weit führen.) Charles Darwin, Karl Marx, Ludwig Feuerbach waren die großen Namen der Zeit; in der Literatur brillierten Honoré de Balzac, Stendhal, Gustave Flaubert und Émile Zola in Frankreich, Charles Dickens, Rudyard Kipling und Mark Twain in England. In Deutschland waren es Gottfried Keller, Theodor Storm, Wilhelm Raabe, Adalbert Stifter, Theodor Fontane und Gerhart Hauptmann (Naturalismus).
So sah, in groben Zügen, Europa Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus – mit Ausnahme von Russland.
In Russland gingen die Uhren anders, nämlich: … nach.

Der russische Sonderweg

Hier waren es die durch den Krieg gegen Napoleon mit den Idealen der französischen Revolution in Berührung gekommenen, aufgeklärten, jungen Offiziere und Aristokraten, die 1825 den Aufstand gegen das System wagten, mit dem Erfolg, dass … – oder besser gesagt: erst einmal erfolglos.

Zar Nikolaus I. (*1796, †1855) begann seine Herrschaft mit der Zerschlagung dieses – fortan so genannten – Dekabristenaufstandes (vgl. Hanns-Martin Wieteks Essays Die Dekabristen – Geschichte in Dokumenten und Die Dekabristen – Die geistigen und geschichtlichen Hintergründe, die revolutionären Forderungen, die Literatur; die Red.).
Es stand für den militärisch erzogenen Nikolaus außer Frage, dass ein Aufstand gegen den Herrscher von Gottes Gnaden gnadenlos niedergeworfen werden musste; ein solcher Aufstand war eine Todsünde gegen die von Gott gewollte Ordnung. Für ihn waren weniger persönliche Gründe ausschlaggebend; das zeigt schon sein Zögern, überraschend an seiner Bruder statt die Thronfolge anzutreten. Die Entwicklungen im übrigen Europa vor Augen habend sah er im Dekabristenaufstand nicht in erster Linie einen revolutionären Umsturzversuch mit dem Ziel, in Russland eine bürgerliche Gesellschaft zu etablieren, sondern eher den Teil einer europaweiten Verschwörung, die die legitime Monarchie und die religiösen und moralischen Prinzipien vernichten wollte.
Wesentlich war für ihn auch die Erkenntnis, dass der Umsturzversuch vom Adel ausging, woraus er den Schluss zog, dass er sich auf die Aristokraten nicht verlassen könne; als Herrschaftsform kam für ihn nur eine absolutistische Autokratie (Selbstherrschaft), niemals eine Aristokratie (Herrschaft des Adels) in Frage. Er war die absolut allein entscheidende Instanz; alle anderen (Ministerien, ressortübergreifende Geheimkomitees, die „Dritte Abteilung der Höchsteigenen Kanzlei seiner Majestät“ – eine Geheimpolizei, usw.) waren lediglich Informanten, die ihm Sachverhalte vorzutragen hatten, über deren Schicksal er bestimmte. (Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, dass er es sich vorbehielt, die Texte Puschkins persönlich zu zensieren.)


   Zar Nikolaus I.

Trotz der außerordentlichen Rigorosität seines Herrschens akzeptierte Nikolaus I. aber auch viele Grundsätze der Aufklärung und setzte sie teilweise sogar um. Durch eine Untersuchungskommission ließ er z.B. die Ansichten der Dekabristen zusammenfassen und nahm diese Analyse der herrschenden Missstände in sein Regierungsprogramm auf; ganz persönlich nahm er den Kampf gegen Korruption auf – bei der Uraufführung des Revisors von Gogol, in der dieser Korruption und Missstände im Adelsstand anprangerte, war er (ganz im Gegensatz zum Adel) der erste, der applaudierte –, er war im Prinzip gegen die Leibeigenschaft, für Rechtsstaatlichkeit – den Reformpolitiker Michail Speranskij ließ er eine fünfzehnbändige Sammlung der [gültigen] Gesetze vorlegen –, und vieles mehr.
Aber er allein entschied, wo Aufklärung erlaubt war und wo nicht.
Diese Diskrepanz zwischen absolutistischem Führungsstil und aufgeklärter Veränderung sollte später noch ungute Früchte tragen, denn einerseits wurden die Ziele der Aufklärung insgeheim bestätigt, der Hass gegen den Zaren wuchs aber in allen und damit auch in den eigentlich staatstragenden Schichten.

Nach der Niederschlagung des Dekabristenaufstands wurde Nikolaus I. noch ein zweites Mal seinem Ruf als unerbittlicher Autokrat gerecht. Einige Dekabristen und ihre Sympathisanten waren nach dem Aufstand nach Polen geflohen, wo die Bürger dank Zar Alexander I., Nikolaus‘ Bruder, weit mehr bürgerliche Freiheiten hatten als in Russland. Der neue Zar verlangte von der polnischen Justiz eine strenge Bestrafung dieser Umstürzler; die Justiz und die Bürger aber sympathisierten mit den Dekabristen, weil sie ihren obersten, russischen Herrscher als Unterdrücker des polnischen Volkes betrachteten, und deshalb schützten sie sie, was Nikolaus noch mehr erzürnte. 1830 verübten Angehörige einer polnischen patriotischen Gesellschaft ein Attentat auf den Vizekönig von Polen, auf den russischen Großfürsten Konstantin Pawlowitsch, den älteren Bruder von Nikolaus, der zuvor die Nachfolge als Zar abgelehnt hatte und an dessen Stelle Nikolaus Zar geworden war. Nikolaus schlug den Aufstand mit äußerster Härte nieder, entzog Polen sämtliche Sonderrechte und machte die einstige Großmacht – zum Königreich Polen gehörte im 17. Jahrhundert die heutigen Staaten Polen, Litauen, Lettland, Weißrussland, Teile Westrusslands, Estlands, Rumäniens und der größte Teil der Ukraine – praktisch zu einer Provinz Russlands.
Hatte man nach dem Sieg über Napoleon von Russland als dem „Retter Europas“ gesprochen, wurde das Land jetzt als „Gendarm Europas“ oder auch als der „gekrönte Gendarm“ bezeichnet. In dieser „Funktion“ beteiligte sich Nikolaus auch auf Bitten des österreichischen Kaisers an der Unterdrückung der ungarischen Revolution von 1848. Was das Kriegführen zur Verbesserung oder Erhaltung der eigenen Einflussbereichs angeht, war er nicht besser oder schlechter als alle anderen damaligen Herrscher Europas.

Innerhalb des Landes herrschte Ruhe; die Opposition wurde zum Schweigen gebracht. Die letzten sieben Jahre seiner Herrschaft (von der europäischen Revolution 1848 bis zu seinem Tod 1855) bezeichnet man auch als das „finstere Jahrsiebt“ in der russischen Geschichte. Nikolaus I. hatte schier panische Angst, dass die Revolution auf Russland übergreifen könnte – daher auch sein Eingreifen in Ungarn! –, und war deshalb jeglicher Kritik gegenüber abgrundtief misstrauisch.
Die rigoros durchgeführte Zensur führte zu einer Stagnation der gesellschaftlichen, aber auch der wirtschaftlichen Entwicklung, so dass das eigentlich reiche Russland im Vergleich mit den anderen europäischen Staaten immer mehr ins Hintertreffen geriet, was im Krimkrieg (1853–1856) zu einem völligen Desaster führte und den Staat fast in den Ruin trieb. Hier rächte sich auch, dass die Leibeigenschaft nach wie vor bestand, denn leibeigenen Bauern, die in einem Krieg mitgekämpft hatten, wurde bei ihrer Entlassung üblicherweise die Freiheit geschenkt. Also stürmten die Bauern zu den Fahnen und im Endeffekt hätte sich das ganze System der Leibeigenschaft selbst auf diese Weise liquidiert. Dem Staat wäre nichts anderes übrig geblieben, als ein riesiges stehendes Heer zu halten, um nicht von den Leibeigenen als Kämpfern abhängig zu sein – wollte er nicht sein eigenes System, das auf der Leibeigenschaft basierte, gefährden; die Unsummen, die für das Militär aufgebracht werden mussten, fehlten an anderer Stelle bzw. mussten brutaliter von der Bevölkerung eingetrieben werden.
Innerhalb von vierzig Jahren war aus der bedeutendsten Militärmacht, dem „Retter Europas“, erst der „Gendarm Europas“ und schließlich ein „Koloss auf tönernen Füssen“ (wie Russland im übrigen Europa inzwischen bezeichnet wurde – beides dürfte jedoch nicht ganz der Realität entsprechen) geworden.

Während des Krimkrieges starb Nikolaus I. und sein Sohn Alexander II. (*1818, †1881) folgte ihm auf den Thron. Er ging als „Befreier-Zar“ in die Geschichte ein. 1818 geboren, war er ein „Kind von 1812“ (Sieg über Napoleon), d.h., er gehörte einer Generation an, die im Geist und mit den aufgeklärten, humanistischen Ideen Europas und der Dekabristen erzogen worden war; sein Erzieher war der liberale Dichter Wassili Schukowski, der auf seinem Landgut schon 1822 die Leibeigenschaft abgeschafft hatte. Eine der ersten Amtshandlungen Alexanders war dann auch die Begnadigung der Dekabristen (und endlich durften auch die gesammelten Werke Puschkins und Gogols erscheinen). Von den ehemals 121 Verurteilten erlebten jedoch nur noch 19 diesen lang ersehnten Zeitpunkt, unter ihnen Fürst Sergej Wolkonski, der (selbst unerschütterlicher Monarchist) zu einem von der studentischen Jugend verehrten Symbol der demokratischen Bewegung wurde. Er war ein glühender Kämpfer für die Bauernbefreiung und für eine Landreform; wären seine Pläne verwirklicht worden, wäre Russland sehr schnell ein wirklich reiches Land geworden und seine Entwicklung hätte einen vollkommen anderen Verlauf genommen.

Es waren ganz sicher nicht nur moralische oder ideelle Gründe, die Alexander bewogen, die Aufhebung der Leibeigenschaft in Angriff zu nehmen. Er hatte erkannt, dass die längst fällige wirtschaftliche Entwicklung (eine Industrialisierung, wie sie im übrigen Europa schon seit Jahrzehnten stattfand) im bestehenden System nicht möglich war; gleichzeitig aber wusste er um deren Notwendigkeit, um einen starken Nationalstaat bilden (auch das Bestrebungen, die im übrigen Europa schon seit langem im Gange waren) und so die Rolle Russlands als Großmacht wahren zu können.
Nach langen Diskussionen über die von einer Kommission ausgearbeiteten Pläne zur Aufhebung der Leibeigenschaft unterzeichnete Alexander im Februar 1861 das Gesetz zur Bauernbefreiung; über 500 Bauernaufstände hatten seit dem Krimkrieg bis zu diesem Zeitpunkt stattgefunden. Da die ursprünglich stringenten Pläne jedoch verwässert wurden, trat nicht die erhoffte Ruhe ein. Alexander beließ es aber nicht bei dieser einen Reform; reformiert wurden außerdem das Gerichtswesen, die territoriale Verwaltung, die Wehrpflicht, die Volksbildung und die Presse.
Die Reformen und Lockerungen (man sprach von „Tauwetter“) riefen aber noch immer nicht – wie man erwarten könnte – Dankbarkeit und Wohlverhalten hervor, im Gegenteil: separatistische und extremistische Kreise sahen ihre Stunde gekommen.
1863 erhoben sich die Polen erneut, wurden erneut niedergemacht und weitgehend russifiziert (noch kein Herrscher – und besonders kein russischer – hat je Spaß verstanden, wenn es „ans Eingemachte“ ging) – mit dem Erfolg, dass Alexanders Reformeifer gedämpft wurde.
Und nach einem Attentatsversuch im Jahr 1866 wurde sein auch Verhalten gegenüber radikalen Denkern erheblich repressiver, was zur Folge hatte, dass eine Gruppe dieser „Intelligenzler“ ihren „Gang ins Volk“ begann: Sie verkleideten sich als Bauern und versuchten, die Bauern aufzuwiegeln und zum Terror anzustiften. Der Versuch scheiterte kläglich, denn die Intelligenzler waren den Bauern von ihrem ganzen Wesen her fremd und auch ihre Reden wurden nicht verstanden. Noch Gorki machte sich 40 Jahre später über diese Gruppe der Sozialrevolutionäre, die „Narodniki“ (Volkstümler), lustig.

Auf keinen Zaren vor und nach Alexander II. wurden paradoxerweise so viele Attentatsversuche verübt wie auf ihn – und das letzte Attentat „glückte“: Am 1.jul./13.greg. März 1881 wurde er von der Terroristengruppe Narodnaja wolja (Volksfreiheit) – eine Untergruppe der oben genannten Sozialrevolutionäre, in die Luft gesprengt, als er in seiner Kutsche die Uferstraße am Gribojedow-Kanal in St. Petersburg entlang fuhr. Eine erste Bombe landete neben seiner gepanzerten Kutsche mitten unter seinen Kosaken; er stieg aus, um zu den Verletzten zu eilen, und wurde von einer zweiten Bombe tödlich verletzt. (Am Ort dieses Attentats hat sein Sohn Alexander III. die Auferstehungskirche bauen lassen, die in ihrem Aussehen sehr stark der Basilius-Kathedrale am Roten Platz in Moskau ähnelt.)
Ironie der Geschichte: Noch am Morgen hatte Alexander II die Bildung eines Ausschusses angeordnet, der die Mitwirkung der öffentlichen Meinung an der Gesetzgebung einführen und festschreiben sollte – ein wichtiger Schritt in Richtung Demokratisierung, der nach seinem Tod von Reformgegnern verhindert wurde.

Die Herausbildung der kritischen Öffentlichkeit


   Fjodor Dostojewski (1872)

Zu Nikolaus‘ Zeiten gab es in Russland noch keine Öffentlichkeit; Literatur und Presse standen unter strengster Kontrolle des Herrschers. Schriftsteller ereilte unter seiner Herrschaft mitunter ein grausames Schicksal: Der Dekabrist Wilhelm Küchelbecker verbrachte an Händen und Füßen gefesselt zehn Jahre in Festungshaft und wurde – obschon erblindet – danach nach Sibirien verbannt; der Dekabrist Gardeoffizier Alexander Bestushew (Marlinskij) wurde nach Sibirien verbannt und danach als einfacher Soldat in den Kaukasus versetzt; Alexander Puschkin wurde vom Zaren persönlich zensiert; Michail Lermontow landete in der Verbannung; der Philosoph Pjotr Tschaadajew wurde für verrückt erklärt und unter Hausarrest gestellt; Fjodor Dostojewski wurde als Mitglied des Petraschewski-Kreises verhaftet, zum Tode verurteilt und erst in letzter Sekunde – schon an der Hinrichtungsstätte – begnadigt (eine bewusste Scheinhinrichtung) und für vier Jahre nach Sibirien zur Zwangsarbeit verbannt. Allein Gogol gelang es, sich durch die Zensur zu lavieren.

Mitnichten war es jedoch so, dass das literarische Leben – und damit das sozialkritische Denken – unterbunden wurde. Ungewollt hatte Nikolaus mit der Vernichtung der Dekabristen die Entwicklung eines besonderen Standes gefördert, der das ganze weitere soziale und politische Leben Russlands über die beiden Revolutionen 1905 und 1917, in der gesamten Sowjetzeit und bis heute (und wahrscheinlich auch in der Zukunft) bestimmen sollte: Die Intelligenzija, eine für Russland typische und auch nur hier vorhandene Gesellschaftsschicht, die auch gegen die politisch Mächtigen die Meinung im Volk beeinflusst und zumindest zeitweise das Gewissen des Volkes verkörperte.
Bei den vielen Sympathisanten der Dekabristen, die – man muss es immer wieder betonen – Adelige waren, verschwand zwar die aristokratische Vision von einer bürgerlichen Gesellschaft, sie kehrten jedoch nicht zu den alten aristokratischen Vorstellungen zurück, sondern suchten und fanden Gleichgesinnte in anderen Ständen – eine Entwicklung, die im Dienststaat Peters des Großen, in dem Besitz, Rang und damit auch Einfluss und Ansehen streng miteinander verbunden und reglementiert waren, nicht möglich gewesen wäre. Stieg (bzw. fiel) damals jemand aufgrund von Leistung in der offiziell so genannten „Rangtabelle“, so war damit Hinzugewinn (bzw. Verlust) von Besitz und Ansehen verbunden. Jeder war fest in seine „Klasse“ eingebunden. Jetzt aber verarmte einerseits der Adel durch Misswirtschaft und Verschwendungssucht und andererseits hatten Kaufleute und sogar Bauern (ja, teilweise sogar freigelassene Leibeigene) großen wirtschaftlichen Erfolg; erstere mussten sich „eine Arbeit suchen“, die nur auf kulturellem Gebiet liegen konnte (denn sie konnten nichts anderes), wohingegen die zweite Gruppe bestrebt war, ihr durch Besitz erworbenes Ansehen durch kulturelles Wissen zu festigen. Viele waren also aus ihrer eigentlichen sozialen Kategorie herausgefallen, ohne in eine andere aufgenommen zu werden, und hatten Zuflucht bei Bildung und Kultur gesucht. Sie wurden zunächst Rasnotschinzen (dt. Leute verschiedener Ränge) genannt, doch nachdem sie langsam immer mehr sozialkritisches Bewusstsein entwickelten, entstand die Bezeichnung „Intelligenzija“, die bis heute für eine Gruppe von Menschen mit Wissen, Ethik und sozialer Verantwortung steht. Das soziale Verantwortungsbewusstsein hat zu allen Zeiten (bis heute) dazu geführt, das die Intelligenzija nicht immer bequem für die jeweils Regierenden war und ist.
Schriftsteller haben schon immer dazu gehört, aber nicht sie allein, fast alle politisch relevanten Gruppen und später Parteien entwickelten sich aus dieser Schicht.
Gefährlich für das Zarenreich sollte eine Untergruppe werden, die radikalen Sozialkritiker und späteren Sozialrevolutionäre, die terroristische Gruppen bildeten und Anschläge wie jenen auf Alexander II. verübten. Sie führten Russland in die beiden Revolutionen von 1905 und 1917.

Letztlich hat Nikolaus I., der erbitterte Verfechter des Zarentums von Gottes Gnaden, langfristig gerade durch die brutale Unterdrückung jeglicher Kritik den Untergang eben dieses Zarentums eingeläutet. Denn bei aller Kontrolle gab es unter Nikolaus I. zwei „Schlupflöcher“ für Oppositionelle. Nicht verhindern ließen sich nämlich „private“ Treffen Gleichgesinnter wie etwa Literaturzirkel. Der Gefährlichkeit dieser Zusammenkünfte war sich Nikolaus durchaus bewusst, waren doch die Vorbereitungen zum Dekabristenaufstand in eben solchen Geheimbünden gelaufen. Sie waren jedoch kaum zu kontrollieren, denn sie waren klein und die Teilnehmer achteten strengstens auf ihre persönlichen, ja freundschaftlichen Beziehungen (was Denunzierungen zwar selten machte, aber nicht ausschloss). Aus diesen Zirkeln sollten dann – als das Leben unter Alexander II. freier wurde – sehr schnell größere oppositionelle Gruppen erwachsen.

Ein zweites waren die Zeitschriften. Schon Puschkin gründete beispielsweise die Sowremennik, in der Gedichte, Dramen und Romane (in Fortsetzungen), aber auch kritische Beiträge zu Gesellschaft und Politik und vor allem auch Literaturbesprechungen abgedruckt wurden; diese solten noch einen erheblichen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung bekommen. Zu nennen ist hier Wissarion Belinski (*1811, †1848), der sogar noch ungewollt Einfluss auf die sowjetische Literatur hatte. Man unterschied damals zwischen „dünnen“ Zeitungen, die mehr oder weniger fast täglich erschienen, und „dicken“ Zeitschriften, die in größeren Abständen erschienen. Aus welchen Gründen auch immer: Die dünnen Zeitungen unterlagen meist im Vorhinein einer strengen Zensur (wahrscheinlich weil man sie für politisch aktueller und aggressiver hielt), die dicken Zeitschriften wurden sporadischer und im Nachhinein kontrolliert; wenn es bei letzteren also Beanstandungen gab, konnte es zwar Strafen geben, veröffentlicht jedoch war das Beanstandete schon. Viele berühmte Romane wurden (noch bis in die sowjetische Zeit hinein) zuerst in Zeitschriften veröffentlicht. Dadurch umging man bis zu einem gewissen Grad die Zensur, die bei der Veröffentlichung in Buchform garantiert und streng war.

Ganz wichtige Personen (wenn nicht die wichtigsten) waren hier Alexander Herzen (Alexandr Gerzen) (*1812, †1870) und sein Freund und Mitarbeiter Nikolaj Ogarjow (*1813, †1877). Herzen stammte aus einer reichen Gutsbesitzerfamile, gehörte von seiner Einstellung her zu den Westlern (also jenen, die ihr Vorbild in Westeuropa sehen) und war ein aufgeklärter, kosmopolitischer, humanistisch gesinnter russischer Aristokrat. Nach der Hinrichtung der Dekabristen, vierzehnjährig, stand er mit seinem Freund auf den Hügeln bei Moskau (den Sperlingsbergen) und schwor, die Hingerichteten zu rächen, weiter in ihrem Sinn zu kämpfen und notfalls dafür sein Leben zu opfern. In den schon oben erwähnten Zirkeln stritt er heftig für die deutschen und französischen Sozialisten; zweimal wurde er von Nikolaus I. verbannt, erwischte jedoch immer ein relativ sicheres Provinzpöstchen und emigrierte 1847 schließlich über Frankreich und Italien nach England. Mit dem Tod seines Vaters hatte er ein großes Vermögen geerbt, auf das er auch im Ausland zurückgreifen konnte.
Herzen ist aus mehreren Gründen eine eminent wichtige Persönlichkeit in der politischen und kulturellen Geschichte Russlands: Mit seinem Roman Wer ist schuld? (1847) und seinen Memoiren Erlebtes und Erdachtes (1854 – 1870) hatte er großen Einfluss auf alle Schriftsteller seiner Zeit.
Er stand am Anfang eines gemäßigten russischen Sozialismus – im Gegensatz zum Radikalsozialisten und „Anarchisten“ Michail Bakunin (*1814, †1876), der in mitreißenden Worten eine russische Revolution von welthistorischer Bedeutung forderte. Herzen war der Vorreiter der bis in unsere Zeiten Bestand habenden russischen Emigration und begründete den Tamisdat (der damals natürlich nicht so hieß), indem er Literatur und politische Veröffentlichungen, die in Russland (wie später in der Sowjetunion) nicht erscheinen durften, im Ausland (in seinem Fall in England) drucken und nach Russland schmuggeln ließ.

Westler und Slawophile

Eine weitere, oben bereits angedeutete Entwicklung begann zu dieser Zeit und sollte für Russland literarisch, vor allem aber sozial und politisch anhaltend große Bedeutung haben: Die Spaltung der Gesellschaft in „Westler“ und „Slawophile“. Wohlgemerkt: Das sind keine literarischen Stile oder gar Epochen, es sind zwei Lebensanschauungen, die die gesamte – und vor allem die politisch aktive – Gesellschaft bis heute teilen.
Schriftsteller – das soziale Gewissen des Volkes – zählten in Russland schon immer zu den politisch Aktivsten; so ist es nicht verwunderlich, dass auch sie, über alle literarischen Epochen hinweg, dem einen oder anderen Lager „zugeordnet“ werden, wenngleich das russische Leben für die einen wie die anderen das Sujet ihres Schreibens ist.
Für die so genannten Westler hatte der Westen Vorbildfunktion. Sie bildeten natürlich keine homogene Gruppe: Ein Teil von ihnen (vor allem im 18. Jahrhundert, nach Peter dem Großen) wollte Sitten und Überzeugungen schlicht kopieren; von diesem ist hier nicht die Rede, denn er ist heute praktisch „ausgestorben“ (erlebte jedoch Mitte der 1990er Jahre unter Boris Jelzin eine Renaissance). Der andere, heute (und seit dem 19. Jahrhundert) überwiegende Teil der Westler trat dafür ein, Ideen sowie geistige und materielle Errungenschaften des Westens aufzugreifen, spezifisch russisch umzuwandeln und dann zu integrieren.
Eine genaue Einordnung der Personen ist manchmal schwierig; viele haben im Laufe ihres Lebens ihre Einstellungen geändert, manchmal bis hin zur Slawophilie. Ganz sicher sind – im hier besprochenen Zeitraum – die Dekabristen den Westlern zuzuordnen, dann der Philosoph Pjotr Tschaadajew (*1794, †1856), Wassili Schukowski (*1783, †1852), Alexander Herzen, der Schriftsteller und Diplomat Fjodor Tjutschew (*1803, †1873, 1822–1844 russischer Gesandter in München), der Literaturkritiker Wissarion Belinski und Nikolai Tschernyschewski (*1828, †1889), und auch der von seinem Erscheinungsbild und wegen seiner Beschreibungen des russischen Lebens schon fast als Prototyp eines Russen geltende Lew Tolstoi war (selbst wenn es auf den ersten Blick befremdlich erscheint) ein Westler – Rousseau, Voltaire, Kant und Schopenhauer galt sein erstes Interesse und sein heute wohl berühmtestes Werk Krieg und Frieden war ursprünglich als Dekabristenroman konzipiert.
Als einer der bekanntesten Westler im 20. Jahrhundert sei hier der Nobelpreisträger (1958) Boris Leonidowitsch Pasternak (*1890, †1960) erwähnt.


   Der radikale Slawophile
   Konstantin Aksakow

Die Slawophilen blicken zurück in die eigene Geschichte vor Peter dem Großen, das Moskowitertum; die Ideale dieser Zeit und die Sitten und Gebräuche des Volkes von damals sind ihr Ausgangspunkt. Ihr Ziel ist ein Nationalstaat, basierend auf einer starken weltlichen Macht, auf dem typisch russischen Volkstum und dem russisch-orthodoxen Patriarchat.
Der berühmteste und radikalste unter den Slawophilen war Konstatin Aksakow (*1817, †1860).
Der slawophile Volkskundler Pjotr Kirejewski (*1806, †1856) hat die Unterschiede zwischen Westlertum und Slawophilentum in seinem Traktat Russland und Europa (1852) – sicherlich überspitzt, aber klar – auf den Punkt gebracht. Seine Thesen sind durchaus kritisierbar und teilweise durch die Geschichte widerlegt; gleichzeitig aber sind sie überaus wichtig, weil sie in der Geschichte Russlands eine zentrale Rolle spielen und die in ihnen zu Grunde liegende Einstellung im heutigen Russland wieder eine zunehmend bedeutende Rolle spielt. Sie seien hier deshalb – ohne ihre Richtigkeit zu untersuchen – vollständig wiedergegeben:
1. Die Wissenschaft Europas, einschließlich der Theologie, wird einseitig durch das abstrakt-rationale Prinzip bestimmt – in Russland besteht eine ganzheitliche Weltanschauung.
2. Der logische Charakter des europäischen Weltbildes ist in eine Krise geraten; Philosophen wie Schelling suchen schon nach einem höheren Prinzip – dieses höhere Prinzip ist im russischen Volk und in der orthodoxen Kirche immer lebendig geblieben.
3. Die sozial-politische Ordnung Europas beruht auf der Trennung und der Feindschaft der verschiedenen Stände – in Russland besteht „die einstimmige Gesamtheit des ganzen Volkes“.
4. Gewaltsame Revolutionen zur Verbesserung der Lebensqualität im Westen – Reformen aus dem natürlichen Wachstum heraus bei den Russen.
5. Der abendländische Mensch ist von Luxus und Künstlichkeit, von Egozentrik, von verzärtelten Träumereien, selbstbewusstem Stolz und geistiger Unruhe geprägt – der russische Mensch hingegen von der Einfachheit der Lebensweise, Familien- und Gemeinschaftssinn, gesunden Geisteskräften, Demut und tiefer Ruhe und Stille.
Wie gesagt, über diese Thesen kann man streiten, sie hatten jedoch (und haben heute wieder) großen Einfluss auf die russische Gesellschaft.

Slawophile Schriftsteller aus der besprochenen Zeit waren u.a. Nikolaj Wassiljewitsch Gogol (*1809, †1852) und Fjodor Michailowitsch Dostojewski (*1821, †1881).
Im 20. Jahrhundert ist der kürzlich verstorbene Nobelpreisträger von 1970, Alexander Issajewitsch Solschenizyn (*1918, †2008) zu nennen.

Der zweite Teil des Essays zum Erbe der Dekabristen wird am kommenden Montag hier zu lesen sein.

15. September 2008

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4 Kommentare

  1. Claus van de Vlierd schrieb am September 19, 2008:

    Hallo Herr Wietek,

    a) inwiefern ist JOHANNES BRAHMS , geb. 1833 (!) ,
    ein Komponist der ROMANTISCHEN Periode , die (s.o.)
    1848 ihr abruptes Ende fand .. ?!?

    Soo 1 Wunderkind war selbst Brahms nicht , als dass
    er als höchstens 15jähriger schon hätte
    Musikepochen prägende Werke komponieren können .. !

    b) mit besten Grüssen :

    Claus van delierd

  2. Hanns-Martin Wietek schrieb am September 19, 2008:

    Lieber Herr van de Vlierd,

    a.)
    Brahms war selbstverständlich kein reiner Romantiker, das passt – wie Sie richtig angemerkt haben – schon rein zeitlich nicht. Wie alle Großen (Genies) sei es in Literatur, Musik und Malerei hat er seine eigene Originalität, seinen eigenen Stil. Beeinflusst war er jedoch von der klassischen, der barocken und der romantischen Tradition. Man spricht in einem solchen Fall von Spätromantik, -klassik, -barock, usw.
    Das “Spät” bedeutet, dass der Betreffende zwar nicht mehr (oder auch – um genau zu sein – fast nicht mehr) in dieser Epoche gelebt oder gewirkt hat, sein Schaffen jedoch von dieser beeinflusst war.

    Brahms wurde zu Lebzeiten häufig (aus oben genanntem Grund) als altmodisch kritisiert. Dank seiner Originalität sieht man heute in ihm einen romantischen Komponisten, der eine sehr poetische, ausdrucksstarke Musik in alt-überbrachter Form schrieb.

    und b.)
    so löst sich der scheinbare Widerspruch auf.

    Ganz herzliche Grüße
    Ihr
    hmw

  3. Hans Preiner schrieb am September 22, 2008:

    Sehr geehrter Herr Wietek,
    Wie sehen Sie Alexander Herzen und seine Erinnerungen/Aufzeichnugen, die mich als Augenzeugenberichte stets faszinierten. Er scheint mir in Vergessenheit geraten zu sein. ER betonte ja auch die Trennung in die “Westler” und “Orthodoxen” (Autochthonen.
    Gruss
    Hans Preiner

  4. Hanns-Martin Wietek schrieb am September 24, 2008:

    Sehr geehrter Herr Preiner,

    mit „Erinnerungen/Aufzeichnungen“ meinen Sie sicher sein Memoirenwerk „Erlebtes und Erdachtes“ auch „Gewesenes und Gedachtes“ auf Russisch „Byloe i dumy“, an dem er zwischen 1852 und 1868 gearbeitet hat; und mit „Orthodoxen (Autochthonen)“ sind sicherlich die Slawophilen gemeint.

    In „Byloe i dumy“ lässt sich sehr gut die sich im Laufe der Jahre verändernde Lebensanschauung Herzens nachvollziehen. Er war schon immer ein ›Westler‹ und blieb es im Grunde auch zeit seines Lebens – er wurde niemals zu einem Slawophilen, schon gar nicht zu einem orthodoxen.
    Er war schon in Russland ein Sozialkritiker, verließ Russland 1847 und erlebte dann hautnah die 48er Revolution in Frankreich und Italien mit. Danach begann seine Abgrenzung vom Westlertum hin zum revolutionären Sozialisten, einem Volkssozialisten, der durchaus Berührungspunkte mit den Slawophilen hatte, aber, wie gesagt, Volkssozialist und kein Slawophiler wurde.

    Das geschah (in Kurzfassung) folgendermaßen:
    Nach Paris hatten sich nach der Revolution auch die 48er Revolutionäre aus Deutschland „zurückgezogen“, u.a. Georg Herwegh, ein Dichter des ›Vormärz‹ und riesengroßes dekadentes Großmaul. Herzen verabscheute ihn von ganzem Herzen; in ›Byloe i dumy‹ ist ihm in ›Rasskaz o semejnoj drame‹ (Erzählung über ein Familiendrama) ein ganzes Kapitel „gewidmet“. Er wurde für Herzen zum Prototyp der deutschen Sozialisten und Demokraten: spießig, nationalistisch, egoistisch, profitsüchtig, feige, summa summarum ein typischer Vertreter der verhassten Bourgeoisie.
    In Frankreich gab es zwar eine neue Regierung infolge der Revolution, mitnichten jedoch wurden die Ideale der Französischen Revolution verwirklicht, sondern neue bürokratische, nationalistische Gesetze eingeführt, die Nationalgarde richtete ein Massaker unter den Arbeiter an, um wieder „Ordnung“ herzustellen.
    Herzen wurde klar, dass es nicht mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse getan sein kann, um soziale Gerechtigkeit zu erreichen, sondern dass es einer grundlegenden Änderung der Moral bedarf, die dann eine Reform von Recht, Regierung und vor allem auch öffentlicher Meinung zur Folge haben würde.
    Die postrevolutionären Missstände in Westeuropa vor Augen entwickelte er Ideen, wie Russland unter Umgehung dieser bürokratisch-demokratischen und der kapitalistischen Phase zu einem echten Volkssozialismus gelangen könne; diese wurden später von den ›Narodniki‹ (Volkstümler, revolutionäre soziale Intelligenz) begeistert aufgenommen.

    Natürlich ist Herzens ›Byloe i dumy‹ mit diesen wenigen Worten bei weitem nicht Genüge getan, ein – allerdings wesentlicher – Punkt konnte an dieser Stelle nur angesprochen werden.

    Mit besten Grüßen
    Ihr
    hmw


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