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Die verzauberte Ella

von bardola

„Mandy schnitt den Kuchen an, gab mir das erste Stück und sagte, ohne zu denken: ‚Iss.’
Der erste Bissen schmeckte wundervoll und ich aß das Kuchenstück freudig auf. Als der Teller leer war, schnitt Mandy mir ein zweites Stück ab. Bei diesem Stück wurde es schon schwieriger, doch ich aß auch dieses auf. Danach gab mir niemand mehr ein neues, aber ich wusste, dass ich weiteressen musste. Ich spießte meine Gabel in das große Kuchenstück.
‚Ella, was tust du da?’, fragte Mutter.
‚Kleines Ferkel.’ Mandy lachte. ‚Aber heute ist ihr Geburtstag, Lady. Heute darf sie so viel essen, wie sie mag.’ Und sie legte mir ein drittes Stück auf den Teller.
Mir war schlecht und ich hatte Angst. Warum konnte ich bloß nicht aufhören zu essen?
Das Schlucken war ein Kampf. Jeder Bissen lag mir schwer auf der Zunge und fühlte sich an wie zäher, klebriger Leim, während ich darum rang, ihn hinunterzuwürgen. Ich begann zu weinen, während ich aß.
Mutter merkte es als Erste. ‚Hör auf zu essen, Ella!’, befahl sie.
Und ich hörte auf.
Jeder konnte mich mit einem Befehl beherrschen.“

An ihrem fünften Geburtstag wird Ella zum ersten Mal der Fluch bewusst, der seit ihrer Geburt auf ihr lastet. Die törichte Fee Lucinda wollte Ella zur Taufe eine besondere Gabe verleihen. Weil aber Ella in der ersten Stunde ihres Lebens ununterbrochen schrie, schüttelte Lucinda voll Mitgefühl mit Ellas Mutter den Kopf und berührte Ellas Nase: „Meine Gabe an Ella ist Gehorsamkeit. Sie soll immer folgsam sein.“ Diese kleine narrative Conditio wird in Ella, verzaubert über 250 spannende und heitere Seiten hinweg virtuos bis hin zu einem furiosen Hochzeitsfinale variiert.

Ich-Erzählerin Ella lebt in einer Fantasywelt voller Riesen, Zentauren, Gnome, Elfen, Menschenfresser, Feen und anderer Fabelwesen. Zum Glück ist sie sprachbegabt und der Satz „szah, suSS fyng mOOng psySSahbuSS“ („Ja, und sie haben köstlich geschmeckt“) bereitet ihr keinerlei Schwierigkeiten. Insbesondere die Idiome Abdegisch, Ayorthanisch, Gnomisch oder Ogresisch (die zum Teil auch in der Tierwelt verbreitet sind) interessieren das Mädchen und helfen ihr, sich in diesem großen Abenteuer zurechtzufinden und zu überleben.

Als Ella fünfzehn ist, stirbt ihre Mutter. Prinz Charmont ist bei der Beerdigung anwesend. Eine zarte Liebesgeschichte bahnt sich an, doch bis zu deren glücklichem Ende wird es noch lange dauern, denn Ella wird von ihrem hartherzigen Vater in ein Internat gesteckt, in dem die Mitschülerinnen bald Ellas Schwäche, ihre Gefügigkeit, entdecken und schamlos ausnutzen. Auch Char ist zunächst abgestoßen. Ella flüchtet mit einem großen Ziel vor Augen: Sie muss die Fee Lucinda finden, um sich von dem Fluch, der ihre Liebe zu Char unmöglich macht, zu befreien. Bevor es so weit ist, muss sie gefährliche Situationen meistern und zudem die Tyranneien ihrer Stiefschwestern und ihrer Stiefmutter (das Aschenputtel- und viele weitere Märchenmotive werden bewusst eingesetzt) über sich ergehen lassen. Ella wehrt sich trotz der aussichtslosen Lage immer mit List, Mut und enorm viel Sprachwitz. Sie handelt wie ein selbstbewusstes Mädchen aus der heutigen Zeit, mit dem sich Leserinnen leicht und gerne identifizieren, und versucht – manchmal der Verzweiflung nahe – dem übermächtigen Fluch zu widerstehen. Gelingen wird ihr das erst ganz am Ende, wenn sie das von den Lesern wohl ersehnteste „Nein!“ der Kinderliteraturgeschichte aus sich hinaus schreit. Befreiender und erlösender lassen sich Widerspruch und Ungehorsam und die Entwicklung von Selbstbewusstsein hin zu Selbstständigkeit in einem Roman nicht darstellen.


   Gail Carson Levine
   (Foto von David Shankbone)

Der Autorin Gail Carson Levine gelingt es nicht nur, die Leser mit einem außergewöhnlichen Genre-Mix aus Fantasy-, Märchen-, Abenteuer-, Liebes- und Emanzipationsgeschichte blendend zu unterhalten, sondern auch, sie für die Feinheiten der Sprache zu sensibilisieren. Der psychologisch gut durchdachte Roman verdeutlicht, wie oft in Alltagsgesprächen unbewusst Befehle erteilt werden. Und wie oft (blinder) Gehorsam keine Tugend ist, sondern in die Katastrophe führen kann, vor allem wenn man den falschen Menschen gehorcht oder in einem falschen Lebenskreislauf steckt. Facettenreich wird hier der Konflikt zwischen Anpassung und Widerstand ausgeleuchtet.

Was bedeutet es, immer das zu tun, was von einem erwartet und verlangt wird? Wohin kann kritiklose Folgsamkeit führen? Welche Wünsche oder Befehle sind sinnvoll, welche überflüssig? Ella, verzaubert ist ein romantisch-beschwingter und märchenhaft-witziger Roman, der diese Fragen en passant beantwortet und deshalb auch allen Eltern und Erziehern empfohlen sei, die sich brave Kinder wünschen.

Deutschsprachige Bücher von Gail Carson Levine
im ZVAB:

Ella, verzaubert (1999, Originaltitel: Ella enchanted)

Ein Platz zum Bleiben (2001, Originaltitel: Dave at Night)

Die Prinzessinnen von Bamar (2003, Originaltitel: The Two Princesses of Bamarre)

Fairies. Im Bann des Zauberstabs (2008, Originaltitel: Fairy Haven and the Quest for the Wand)

Diese Kolumne erscheint außerdem im Eselsohr – der Zeitschrift für Kinder- und Jugendmedien.

17. June 2008

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