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Formenstrenge und Sprachmacht: Oskar Loerke als lyrisches Vorbild

von Tergast

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und Verstand

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.

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30. Juni 2008

Alexander Issajewitsch Solschenizyn: „Nicht nach der Lüge leben“

von wietek

Um Alexander Issajewitsch Solschenizyn, den heldenhaften Autor von Archipel GULAG, ist es still geworden. Er wird Ende dieses Jahres neunzig Jahre alt. Er war und ist einer der ganz großen Schriftsteller unserer Zeit. Und nicht sein hohes Alter ist der Grund, weshalb man nur noch wenig von ihm spricht.
Als Solschenizyn aus der Sowjetunion ausgewiesen wurde, weil er dieses System verurteilte, wurde er im Westen gemäß dem Leitsatz „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ bejubelt – sein Erfolg war zunächst auch die Folge eines Schwarz-Weiß-Denkens, das bis heute nicht ausgerottet ist. Dass jemand, der das eine System verurteilt, nicht zwangsläufig ein Befürworter des anderen Systems sein muss, wurde geflissentlich übersehen. Solschenizyn aber blieb auch in der Emigration ein Russe, der sein Volk liebt. Nur nach und nach stellte man dies im Westen erstaunt fest. Hinzu kamen seine – für den Westen sehr eigenwillige – typisch russische Denkweise und die ungeschminkt deutliche Aussprache seiner Überzeugungen, die – vorsichtig gesagt – nicht recht kompatibel war mit der westlichen political correctness. Seine (auch in Russland nicht unumstrittenen) Vorstellungen von dem Weg, den Russland in der Zukunft gehen sollte, passten ganz und gar nicht zu den Vorstellungen des Westens.
Damit wurde er immer mehr zur persona non grata.
Deswegen ist es im Westen still um ihn geworden. (Weiterlesen …)

24. Juni 2008

Die verzauberte Ella

von Bardola

„Mandy schnitt den Kuchen an, gab mir das erste Stück und sagte, ohne zu denken: ‚Iss.’
Der erste Bissen schmeckte wundervoll und ich aß das Kuchenstück freudig auf. Als der Teller leer war, schnitt Mandy mir ein zweites Stück ab. Bei diesem Stück wurde es schon schwieriger, doch ich aß auch dieses auf. Danach gab mir niemand mehr ein neues, aber ich wusste, dass ich weiteressen musste. Ich spießte meine Gabel in das große Kuchenstück.
‚Ella, was tust du da?’, fragte Mutter.
‚Kleines Ferkel.’ Mandy lachte. ‚Aber heute ist ihr Geburtstag, Lady. Heute darf sie so viel essen, wie sie mag.’ Und sie legte mir ein drittes Stück auf den Teller.
Mir war schlecht und ich hatte Angst. Warum konnte ich bloß nicht aufhören zu essen?
Das Schlucken war ein Kampf. Jeder Bissen lag mir schwer auf der Zunge und fühlte sich an wie zäher, klebriger Leim, während ich darum rang, ihn hinunterzuwürgen. Ich begann zu weinen, während ich aß.
Mutter merkte es als Erste. ‚Hör auf zu essen, Ella!’, befahl sie.
Und ich hörte auf.
Jeder konnte mich mit einem Befehl beherrschen.“

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17. Juni 2008

1213141516 – tempus fugit

von Alain F. Haezeleer

Der Unix-Zeitstempel und andere Kalender

Freitag, der 13. ein Unglückstag? Tatsächlich ereignen sich an diesem Datum statistisch gesehen mehr Verkehrsunfälle als an anderen Wochentagen. Dem Gregorianischen Kalender haben wir es zu verdanken, dass der 13. Wochentag eines Monats jedes Jahr mindestens einmal und höchsten dreimal auf einen Freitag fällt. Eine andere Zeitzählung hat uns in dieser Woche am Mittwoch, 11. Juni 2008, in aller Herrgottsfrühe um 1 Uhr 45 Minuten und 16 Sekunden den Unix-Zeitstempel mit dem denkwürdigen Wert 1213141516 beschert – beides Anlässe, die dazu einladen, sich mit der Geschichte der kalendarischen Zeitzählung ein bisschen intensiver auseinanderszusetzen.
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13. Juni 2008

Der kopflose Ritter der Moderne

von Konecny

Die Bafler sind meinem genialen Landsmann Bohumil Hrabal nach Leute, „gegen die unaufhörlich ein Ozean zudringlicher Gedanken anbrandet“. Aus diesem Ansturm rettet sich der Bafler durch das Bafeln – einen Rederausch ohne Gleichen, in dem er maßlos übertreibt, vergrößert, verschiebt und verkehrt. „Der Bafler sieht die Wirklichkeit durch das diamantene Auge seiner Phantasie“, schreibt der große Bafler Bohumil Hrabal. „Ich bin ein durch Lachen entbluteter Stier, dem jemand das Gehirn wie ein Eis auslöffelt.“ (Weiterlesen …)

9. Juni 2008

Die glücklichen Inseln hinter dem Winde

von LesArtige
Was Jugendliche über das Buch denken:

Leseeindrücke von Clara Schattauer
(12 Jahre)

James Krüss hat ein wunderbares Buch geschrieben. Es handelt von einem Kapitän, der durch Zufall in die Winde einer Inselgruppe gerät und von ihnen an Land getrieben wird. Dort wird er von Menschen und Tieren empfangen und bewirtet.

Der Kapitän erzählt dem Autor James Krüss jeden Abend bei einem Glas Wein in Tagebuchform von seinen Erlebnissen. Und es ist kein Wunder, dass James Krüss diese aufschreiben musste, denn der Kapitän hat Außerordentliches erlebt. Die Inseln von denen er berichtet, sind etwas ganz besonders – auf ihnen ist jeder, ob Mensch, Pflanze oder Tier, glücklich. Und die Glücklichen Inseln sind genauso außergewöhnlich wie ihre Namen. Sie heißen u.a. Polipopaja, Mellifera, Paxos, Jou-Jou, Publa Cumba… Publa Cumba besteht zum Beispiel aus einem riesigen Napfkuchen, bei dessen Beschreibung mir das Wasser im Mund zusammengelaufen ist.
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2. Juni 2008