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Jutta Richter: Hechtsommer

von bardola

Zwei Brüder, Daniel und Lukas, und ihre etwas ältere Freundin Anna leben schon so lange sie sich erinnern können gemeinsam in einem Wasserschloss abseits vom Dorf. Anna mit ihrer Mutter, die Brüder mit ihren Eltern Gisela und Peter. Heimlich lernen die Jungen an den freien Sommernachmittagen fachgerechtes Angeln, um später einmal den stolz dahingleitenden Hecht im Schlossgraben zu fangen, obwohl Fischen dort streng verboten ist. Dieses grünsilbrig schimmernde, wild und gefährlich aussehende Tier ist eine Herausforderung für die Brüder. Den Hecht zu fangen erfordert Mut und Geschick. Sie kaufen eine Ausrüstung und üben ausdauernd mit Kescher und Leine. Die Ich-Erzählerin Anna allerdings macht nur halbherzig mit, denn sie hält Angeln für Tierquälerei. „Als wir an diesem Mittag aus der Schule kamen, waren die Rapsknospen aufgeplatzt. Schon von weitem sahen wir das Feld leuchten. (…) ,Da wird man fröhlich vom Hingucken!’, hatte Lukas einmal gesagt. Und das stimmte. Aber heute war es anders, denn ich musste an Giselas Haare denken und ich fürchtete mich.“

Die Mutter der Brüder hat Krebs. Die Erwachsenen versuchen, es zu verheimlichen, doch ihre Krankheit hängt wie ein düsterer Schatten über diesem Sommer. „Wunder kannste vergessen, Schutzengel auch. Das ist doch alles Babykacke! Aber ich glaube an was: Ich glaub an den Hecht! Ich glaube, wenn ich ihn fange, wird Mama wieder gesund“, sagt Daniel, der ältere, und hat deshalb nur noch dieses eine Ziel: den Hecht im Burggraben zu fangen.

Anna hingegen wünscht sich Stillstand. Sie erwartet von Müttern, dass sie nicht sterben, ehe ihre Kinder groß sind. Anna und die Brüder streiten sich wegen des Hechts. Das Geschenk der kranken Gisela – die Leser ahnen, es ist ihr letztes – für Anna, ein Angel-Lehrbuch, und Giselas zwischen den Zeilen weit über den Tod hinausweisender Begleitbrief sollen Frieden unter den Kindern stiften, so als ahne die Sterbende, dass nach ihrem Tod die Zurückbleibenden werden näher zusammenrücken müssen.

Dank Giselas Geschenk übt Anna – nur widerwillig – mit den Jungen für die Hechtjagd. Die Ereignisse um den Tod von Hecht und Mutter weisen fortan immer mehr Parallelen auf. Die drei Schlosskinder jagen den Hecht. Der Krebstod jagt die Mutter. Das Spiel wird ernster und endet mit der geglückten Jagd und dem doppelten Tod. Der große Hecht stirbt. Doch der Erfolg wird nicht gefeiert. Eine noch größere Herausforderung für die Brüder schließt sich der soeben bestandenen an, denn gleichzeitig mit dem Hecht stirbt die Mutter. Der Tod, das Unbegreifliche, soll als Teil des Lebens akzeptiert werden. Am Ende des Hechtsommers endet auch die Kindheit.

In dieser kurzen Geschichte steckt viel Menschenkenntnis und Weisheit. Das Mädchen beobachtet genau und findet Worte für die Zweifel und die Ängste, für die Freundschaft und die Hoffnung. Sie zieht Parallelen zwischen der sich stets ändernden Natur und den anderen Dingen, die auch nicht so bleiben, wie Anna sie schön fand. Bei einer der zahlreichen Nebenhandlungen wagt man es kaum, näher hinzusehen. Sie ist nur angedeutet und so blass, dass sie auch wie eine Schimäre der zu verurteilenden Einbildung der tratschenden Dorfgemeinschaft entsprungen sein könnte. Und doch ist sie da. Ein Skandal, vor dem man am liebsten die Augen verschließen möchte, um diese zarte Geschichte nicht zu beschädigen. Aber spiegelt das Vorhandensein dieser Möglichkeit, diese zusätzliche Bedrohung für die beiden Schlossfamilien, diese angedeutete Geschmacklosigkeit (die ja doch nichts anderes als die Demonstration der unermesslichen Macht der Liebe wäre) nicht den Mut der Erzählerin, vor der Realität niemals Halt zu machen? Die Rede ist von dem Wunsch nach Söhnen, den Annas Mutter verspürt, und von ihrer Aufmerksamkeit, die sie Peter, dem Vater der Brüder, dem künftigen Witwer schenkt. Die neue Beziehung kündigt sich mehrfach an, am deutlichsten in der Bereitschaft von Annas Mutter, sich um die Jungen zu kümmern, und in der romantischen Bootsfahrt im Schlossgraben („nur für Erwachsene“) nachts nach dem Grillfest, derweil die Todkranke sich in ihr Zimmer zurückgezogen hat.

Jutta Richters außerordentlich schöne Sprache, die manchmal nur anspricht und nicht ausspricht, löst in der Vorstellung der Leser starke Bilder und Emotionen aus. Dies ist eine traurig-schöne Geschichte, in der Wahrheit und Lüge, Tod und Glück nahe beieinander liegen. Jutta Richter vermeidet jedes Pathos und setzt große Gefühle frei. Bei Erwachsenen und bei Kindern ab 10 Jahren. Doch egal, welche Altersempfehlung man abgibt, sie ist zweifelhaft, denn das Lesealter von Kindern und Jugendlichen hat nur wenig mit dem biologischen Alter zu tun. Kein Wunder also, dass der Verlag keine Altersangaben macht und dass die Rezensenten von Hechtsommer bei der Altersempfehlung zwischen acht und dreizehn Jahren schwanken.

Jutta Richter im ZVAB:

Popcorn und Sternenbanner. Tagebuch einer Austauschschülerin (1975)
Das Geraniengefängnis (1980)
Die Puppenmütter (1980)
Himmel, Hölle, Fegefeuer. Versuch einer Befreiung (1982)
Die heilste Welt der Welt. Ein Jahr im Leben der Familie Feuerstein (1984)
Was machen wir jetzt? (1985)
Das Tontilon (1986)
Prinz Neumann oder Andere Kinder heißen wie ihr Vater (1987)
Und jeden Samstag Baden. Geschichten von früher (1987)
Satemin Seidenfuß (1988)
Annabella Klimperauge. Nachtgeschichten aus dem Kinderzimmer (1989)
Sturm-Stina (1989, Übersetzung des schwedischen Originaltexts von Lena Anderson)
Traumpost (1989)
Der Sommer schmeckt wie Himbeereis. Gedichte und und Reime für Große und Kleine (1990)
Hexenwald und Zaubersocken (1993)
Bei uns zu Hause tut sich was! Lieder, Geschichten und Spiele durch einen ganzen Familientag (1995, mit Detlev Jöcker)
Der Hund mit dem gelben Herzen oder die Geschichte vom Gegenteil (1998)
Herr Oska und das Zirr (1998)
Es lebte ein Kind auf den Bäumen (1999, mit Konstantin Wecker)
Der Tag, als ich lernte, die Spinnen zu zähmen (2000)
Verlass mich nicht zur Kirschenzeit. Liebesgedichte (2000)
Hinter dem Bahnhof liegt das Meer (2001, mit Konstantin Wecker)
An einem großen stillen See (2003)
Hechtsommer (2004)
All das wünsch ich dir (2006)
Sommer und Bär. Eine Liebesgeschichte (2006)
Freundschaften – Geschichten, die verbinden (2007, Sammelband mit Geschichten von Kinderbuchautoren aus den verschiedensten Ländern)
Die schönsten Geschichten zu Weihnachten (2007, Sammelband mit Geschichten von vielen bekannten Kinderbuchautoren)

19. May 2008

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2 Kommentare

  1. Konstantin schrieb am July 7, 2011:

    Interessant … die Jagd nach dem Hecht mit der Japd des Krebs bei der Mutter zu vergleichen. Scheint ein gutes Buch zu sein.

  2. f schrieb am February 28, 2012:

    I hate this book!


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