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Der „zweisprachige Grenzvogel“ René Schickele – Journalist, Schriftsteller und früher Europäer

von Tergast

   René Schickele (1912)

Als Journalist weiß man bisweilen gar nicht mehr zu schätzen, dass man heute eigentlich alles schreiben kann, was einem gerade so in den Sinn kommt (immer vorausgesetzt, jemand druckt es…). Ein Blick in die Vergangenheit ist hilfreich, um sich dieses große Glück zu vergegenwärtigen und sich vergleichend daran zu erinnern, wie es um Publikations- und Meinungsfreiheit einmal bestellt war.

Den Kaiser einen „Scharlatan“ zu nennen, konnte schon ausreichen, damit die komplette Auflage einer Zeitschrift beschlagnahmt wurde. Das musste 1901 der gerade erst 18-jährige René Schickele feststellen, als er eben dies in der dritten Ausgabe seiner jüngst gegründeten Zeitschrift Der Merker tat. René Schickele war jedoch keiner, der sich davon sonderlich beeindrucken ließ. Er hatte bereits vor dem Merker mit dem Stürmer eine erste literarische Zeitschrift gegründet, die nach wenigen Nummern ihr Leben wieder aushauchte, und er sollte Zeit seines Lebens Visionär und Kämpfer bleiben. (Weiterlesen …)

26. Mai 2008

3. Kölner Antiquariatstage – Ausstellerverzeichnis

von ZVAB

3. KÖLNER ANTIQUARIATSTAGE
Freitag, 30. – Samstag, 31. Mai 2008
Kölnisches Stadtmuseum
(Zeughausstr. 1 – 3, 50667 Köln)
Fr.: 15:00 – 20:00 Uhr
Sa.: 11:00 – 18:00 Uhr

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26. Mai 2008

Jutta Richter: Hechtsommer

von Bardola

Zwei Brüder, Daniel und Lukas, und ihre etwas ältere Freundin Anna leben schon so lange sie sich erinnern können gemeinsam in einem Wasserschloss abseits vom Dorf. Anna mit ihrer Mutter, die Brüder mit ihren Eltern Gisela und Peter. Heimlich lernen die Jungen an den freien Sommernachmittagen fachgerechtes Angeln, um später einmal den stolz dahingleitenden Hecht im Schlossgraben zu fangen, obwohl Fischen dort streng verboten ist. Dieses grünsilbrig schimmernde, wild und gefährlich aussehende Tier ist eine Herausforderung für die Brüder. Den Hecht zu fangen erfordert Mut und Geschick. Sie kaufen eine Ausrüstung und üben ausdauernd mit Kescher und Leine. Die Ich-Erzählerin Anna allerdings macht nur halbherzig mit, denn sie hält Angeln für Tierquälerei. „Als wir an diesem Mittag aus der Schule kamen, waren die Rapsknospen aufgeplatzt. Schon von weitem sahen wir das Feld leuchten. (…) ,Da wird man fröhlich vom Hingucken!’, hatte Lukas einmal gesagt. Und das stimmte. Aber heute war es anders, denn ich musste an Giselas Haare denken und ich fürchtete mich.“ (Weiterlesen …)

19. Mai 2008

Die Dekabristen – Revolutionäre für Russland

von wietek

   Peter der Große

Teil II: Die geistigen und geschichtlichen Hintergründe, die revolutionären Forderungen, die Literatur

Wenn man über Revolutionäre für Russland spricht, kommt man an einem Mann nicht vorbei, und das ist – so paradox es klingt – Zar Peter der Große (*1672, Regierungszeit 1682 bis †1725). Er schuf die Grundlage für alles, was später geschah. Er „prügelte“ die russische Gesellschaft brutaliter aus ihrer oblomowschen Trägheit: Er schnitt alte Zöpfe und Bärte ab – auch im wahrsten Sinn des Wortes und eigenhändig, nämlich jene der Adligen, der Bojarenfürsten. Er verordnete europäische Kleidung und bestrafte schwer, wer sich nicht daran hielt; er entmachtete die über alles bestimmende Kirche, enteignete Klöster (machte beispielsweise Krankenhäuser und Gefängnisse daraus), zwang die Mönche zur Arbeit, führte Militärreformen durch, führte in der Verwaltung Ränge ein, die es auch Nichtadligen erlaubten vorwärts zu kommen, ging gegen Korruption vor usw. Er reformierte die russische Schrift – latinisierte sie im Schriftbild, strich Buchstaben – und führte eine neue Literatursprache ein, weg vom alten Kirchenslawisch, hin zur Umgangssprache.

Peter der Große öffnete sein Land nach Westen und machte es zu einem Machtfaktor in der europäischen Völkerfamilie.
Als allmächtiger Imperator, wie er sich als erster Zar auch nennen ließ, setzte er seine Reformen mit Gewalt durch (anders war es nicht möglich!), sodass man ihn durchaus einen Revolutionär nennen könnte, einen „imperialen Revolutionär“, wenn es diese Bezeichnung denn gäbe. Er war so wenig zart besaitet wie jeder Revolutionär. Sein Ziel war es, den Staat zu modernisieren, die Gesellschaft umzukrempeln. Das Russland, das er schuf, hatte nur noch wenig mit dem alten Russland zu tun, auch wenn die feudale Ordnung weiterhin Bestand hatte.

Damit begann das 18. Jahrhundert. (Weiterlesen …)

14. Mai 2008

Die Dekabristen – Revolutionäre für Russland

von wietek

Teil I: Geschichte in Dokumenten

„Endlich brachte mir mein Bruder Zeitungen und berichtete, mein Mann sei verurteilt worden. Man habe ihn und seine Gefährten auf dem Festungskronwerk degradiert.
Das war so vor sich gegangen: Im Morgengrauen des 13. Juli wurden alle Verurteilten auf dem Kronwerk versammelt und nach Kategorien getrennt1 vor dem Galgen aufgestellt. Sergej zog sich sofort den Offiziersrock aus und warf ihn ins Feuer, um zu vermeiden, dass man ihn ihm abriss. Es waren mehrere Feuer angezündet worden, in denen man die Uniformen und die Orden der Verurteilten verbrannte. Sie mussten niederknien und wurden degradiert, indem die Gendarmen auf den Köpfen der Delinquenten deren Säbel zerbrachen. Das geschah so ungeschickt, dass mehrere von den Männern Kopfverletzungen davontrugen. Nach der Rückkehr ins Gefängnis erhielten sie Zuchthausessen statt der gewohnten Verpflegung. Außerdem gab man ihnen Zuchthauskleidung -Jacke und Hose aus grobem grauem Tuch.
Dieser Szene folgte eine zweite, weitaus schrecklichere. Die fünf zum Tode verurteilten – Pestel, Sergej Murawjow2, Rylejew3, Michail Bestushew-Rjumin4 und Kachowski5 – wurden zur Richtstätte geführt. Man henkte sie, aber so grässlich unbeholfen, dass drei aus der Schlinge rutschten und noch einmal zum Schafott geführt werden mussten. Sergej Murawjow, der sich das Bein gebrochen hatte, lehnte es ab, gestützt zu werden, und Rylejew spottete: »Ich bin glücklich, zweimal für das Vaterland sterben zu dürfen. «
Ihre Leichen wurden in zwei Tröge gelegt, die mit ungelöschtem Kalk gefüllt waren, und auf der Insel Golodai begraben. Dort stand ein Posten, der keinen zu den Gräbern ließ. Ich kann bei dieser Szene nicht verweilen und sie genauer beschreiben, die Erinnerung schmerzt mich allzu sehr.
General Tschernyschow, später Graf und Fürst, spazierte um die fünf Galgen herum, betrachtete die Opfer durch seine Lorgnette und lachte.
Mein Mann verlor Titel, Vermögen und Bürgerrechte und wurde zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit sowie lebenslänglicher Verbannung verurteilt. Am 26. Juli schickte man ihn6 zusammen mit den Fürsten Trubezkoi7 und Obolenski, mit Dawydow, Artamon Murawjow, Jakubowitsch und den Brüdern Borissow8 nach Sibirien.“
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5. Mai 2008