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Carmen Martin Gaites märchenhaftes New York: Rotkäppchen in Manhattan

von bardola

Wer in diesen dollarschwachen Zeiten das Shoppingparadies New York besuchen will, sollte den Kaufrausch mit einer zauberhaften Prosa begleiten: Die kleine Sarah Allen im roten Regenmantel mit Kapuze und am Arm den mit einer karierten Serviette bedeckten Henkelkorb, ist am Tag ihres zehnten Geburtstages in einer U-Bahn-Station nähe Central Park auf Hilfe angewiesen. Geträumt hat sie schon lange von Manhattan, jener „Insel in der Form eines Schinkens mit einem Spinatkuchen in der Mitte, der Central Park heißt.“ Es ist Sarahs erster selbständiger Ausflug zu ihrer Großmutter nach Manhattan von Brooklyn aus, wo sie allzu behütet im 14. Stockwerk eines Hochhauses wohnt.

Sarah liebt ihre schwungvolle und unkonventionelle Oma, die früher unter dem Namen “Gloria Star” als Sängerin und Tänzerin auftrat. Oma hilft ihrer Enkelin, der überfürsorglichen Mutter mit kleinen Fluchten – meist nur in die Phantasie – zu entkommen. Und wenn Sarah allein zu Hause ist, denkt sie sich Geschichten aus und erfindet eine eigene Sprache, in der das Zauberwort „Miranfu“ vorkommt, das dafür sorgen soll, dass Sarah Überraschungen erlebt.

Nun steht sie verloren im Menschengewühl der U-Bahn-Haltestelle Columbus Circle. Eigentlich hat sie sich gut auf diesen Moment vorbereitet. Sie hat einen Stadtplan bei sich, den ihr der „Bücherkönig“ und Ex-Besitzer der Buchhandlung „Books Kingdom“ Aurelio Roncalli, ein Freund ihrer Großmutter, geschenkt hatte und sie hat ein Buch über die Freiheitsstatue, insbesondere die Kapitel über Madame Bartholdi gelesen, die Muse des elsässischen Bildhauers Frédéric Auguste Bartholdi, der die Freiheitsstatue geschaffen hat. Der Park und diese Statue ziehen das Mädchen magisch an.

Wegen ihres unbändigen Freiheitsdrangs und ihrer starken Vorstellungskraft fühlt sich Sarah manchmal wie Alice im Wunderland. Kein Wunder, dass sie sich verirrt. Wer weiß, was ohne die geheimnisvolle und weise Miss Lunatic geschehen wäre, die immer ein Lumpenwägelchen bei sich hat und sich nun Sarah annimmt. Miss Lunatic – eine lustige alte Stadtstreicherin und gute Fee in einem – und Rotkäppchen-Sarah haben sich nun phantastische Geschichten zu erzählen. Was aber inzwischen geschieht, vor allem Sarahs Erkenntnis, dass Miss Lunatic eigentlich ein Wunder ist, weil sie Madame Bartholdi war und längst tot sein müsste oder Sarahs Begegnung mit Mr. Woolf (sic), dem einsamen Tortenkönig von New York, ist selbst eine unglaubliche Geschichte. Carmen Martín Gaite erzählt sie mit Charme und Spannung und kokettiert effektvoll mit Märchenvorlagen. Das moderne amerikanische Rotkäppchen geht respektlos mit dem hungrigen, aber gutmütigen Mr. Woolf um, der verzweifelt auf der Suche nach einem besseren Erdbeertortenrezept ist, ohne das der weltweit gute Ruf seiner großen Konditorei gefährdet wäre. Sarah öffnet ihm nicht nur den Henkelkorb mit der besten Erdbeertorte, die der Tortenkönig jemals gegessen hat, sondern auch den Zugang zur Macht des Wunderbaren.
Das Buch ist ein Plädoyer für kindliche Phantasie und für die entsprechende Literatur, die auf postmoderne Art hier zitiert und montiert wird: Alice im Wunderland, Heidi, Robinson Crusoe oder Bastian aus der Unendlichen Geschichte. Und es ist ein spannender Roman:

Sarah bückte sich und tastete ihr Söckchen ab. Sie fingerte nervös zwischen dem weißen Gewebe und ihrem Knöchel, bis sie an ihre Fußsohle kam. Dahin war die magische Münze gerutscht. Ein Stein fiel ihr vom Herzen. Miranfu! Nicht auszudenken, wenn sie die Münze verloren hätte.
Plötzlich musste sie lächeln. Sie hatte eine wunderbare Idee. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen.

Sie steckte den Schlüssel ins Türschloss und öffnete sie ganz langsam. Die Kälte draußen machte sie hellwach. Sie strotzte vor Tatendrang. Jetzt ging es darum, Peter nicht in die Hände zu fallen, der für ihr Vorhaben nur ein Hindernis war, wie sich ja bereits gezeigt hatte.
Sie duckte sich und schlich hinter den Fahrzeugen vorbei, die auf ihrer Straßenseite standen, manchmal auch hinter den Mülltonnen, und erreichte über ausgehobene Erdhaufen und Seitenstraßen den Abhang vom Morningside Park, der an die Südfassade von Saint-John-Divine grenzte. Sie dachte flüchtig daran, dass es in dieser Gegend, vielleicht nicht weit von hier, einst eine Buchhandlung gab, die sie nie kennengelernt hatte: das Königreich der Bücher.

Vor der realistischen Kulisse New Yorks haucht Gaite Mr. Woolf, dem Prototypen eines gestressten und erfolgreichen Unternehmers, die Fähigkeit zum Träumen ein und ihrem Rotkäppchen mittels chinesischen Glücksröllchen und einem Zauberwort die Gabe, Wunder als solche zu erkennen. Und Sarah vollbringt selbst ein kleines, indem sie Mr Woolf mit seiner Jugendliebe zusammenbringt, mit Oma Rebecca Little alias Gloria Star. Die beiden Glücklichen tanzen am Ende Tango. Manchmal schreibt Gaite in einer knappen, pointierten Sprache, manchmal versteigt sie sich zu wunderbaren, sechszeiligen Schachtelsätzen. Als das Buch in Spanien erstmals 1990 erschien, stellte sich daher die Frage nach der Zielgruppe. Sarah Allen ist heute wie damals das 10-jährige, freiheitsliebende Mädchen. Ihre potentiellen Leser hingegen „are getting older younger“ und nehmen es inzwischen als Gleichaltrige gerne mit aktualisierten Märchen auf. Ein Gewinn für alle ist dieser verträumte Roman über das Glück und die Freiheit, worin südländisches Temperament auf amerikanische Verhältnisse trifft – eine Spanierin in New York. Die Widmung lautet: „Für Juan Carlos Eguillor zum Dank dafür, dass er Rotkäppchen und mir neues Leben eingehaucht hat, als wir Ende jenes schrecklichen Sommers durch Manhattan irrten.”Carmen Martin Gaite wurde 1925 in Salamanca geboren. Sie war eine der angesehensten Schriftstellerinnen Spaniens. Für ihr literarisches Werk, das Romane, Erzählungen, Essaybände, Lyrik und auch ein Drama umfasst, erhielt sie hohe Auszeichnungen. Sie starb 2000 in Madrid.

Diese Kolumne erscheint außerdem im Eselsohr – der Zeitschrift für Kinder- und Jugendmedien.

7. April 2008

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3 Kommentare

  1. tiktu schrieb am September 1, 2008:

    ein durch und durch wunderbares buch, das lohnt, wiederentdeckt zu werden!

  2. Gabriela Fuchs schrieb am September 20, 2008:

    Da meine Kinder in Spanien zur Schule gingen, lernte ich das Buch dort als Lektüre zum Unterricht kennen und war begeistert.
    Mit meinen fortgeschrittenen Schülern im spanischen Sprachunterricht nahm ich es daher als Lesebeispiel und stellte erst später ( bei C.M.Gaites Tod )fest, daß es ja bereits eine deutsche Übersetzung gab.
    Aber wichtig war: alle waren vom Buch begeistert und mit viel eigener Phantasie klebten wir nicht an den Sätzen, sondern erlebten die märchenhaften Begegnungen mit unseren eigenen Worten.
    Ich habe es noch sehr oft weiterempfohlen.

    Liebe Grüße aus Spanien
    Gabriela

  3. Nadia schrieb am June 21, 2010:

    Auf der Suche nach einer interessanten Analyse des Buches stiess ich auf diese Seite und musste sowohl die Inhaltsangabe, wie auch die Kommentare lesen. Zu meiner Schande muss ich sagen, dass ich das Buch weder als wunderbar noch als sonderlich spannend empfand.
    Ich las caperucita en manhatten ebenfalls in der Originalversion: Spanisch. Zu kritisieren habe ich die Offensichtlichkeit und das Fehlen von Spannung in der ganzen Handlung sowie im Titel, ebenso die nicht sonderlich gelungene Kopie der ursprünglichen Figur Rotkäppchen. Da halte ich es doch für besser, unseren Kindern Rotkäppchen im Original vorzulesen…

    Ich empfehle aber doch allen, die sich nicht von anderen Meinungen beeinflussen lassen möchten, das Buch selber zu lesen und weitere interessante Kommentare zu schreiben.

    Es grüsst herzlich,
    Nadia


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