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Käthi Bhend: Wenn Risikobücher zu Longsellern werden. “Die Nacht im Zauberwald”

von bardola

Vor zwanzig Jahren erschien erstmals das Bilderbuch „Im Traum kann ich fliegen“ mit einem Text der Schweizer Autorin Eveline Hasler und Bildern von Käthi Bhend. Die Redaktion übernahm Gisela Stottele für Ravensburger. Es ist ein mutiges Bilderbuch – allein schon wegen der fünf Protagonisten: zwei Würmer, ein Käfer, ein Engerling und eine Raupe. Auch der Schauplatz ist ungewöhnlich: Fast die gesamte Geschichte ereignet sich unter der Erde. Gänge treiben in Wort und Bild die Handlung voran und entfachen die Neugier der Leser.

Auf dem Umschlag der nur noch antiquarisch erhältlichen Urfassung folgt der letzte Satz („… Komm mit und schau selbst!“) der Form eines unterirdischen Ganges, der zu einer Höhle führt, in der sich die aparten Bilderbuchhelden befinden. Käthi Bhend erinnert sich, dass sie sich damals lange Zeit mit der Umsetzung des Textes beschäftigte, dass in der Entwicklungsphase von einem „Risikobuch“ die Rede war und dass dann bei Erscheinen die Zustimmung, aber auch die Irritationen groß waren. Glücklicherweise wurde das Wagnis

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1988 in Leipzig mit dem Gestaltungspreis der Internationalen Ausstellung für Buchkunst gewürdigt. Seither hat „Im Traum kann ich fliegen“ generationsübergreifend viele Liebhaber. Und heute halten Leser, die diesem Traum erstmals begegnen, ihn für vollkommen neu und aktuell. Nur dem Impressum ist die Vorgeschichte zu entnehmen. Bei der Neuausgabe im NordSüd Verlag handelt es sich allerdings nicht um ein Reprint. Die Künstlerin hat sich erneut sehr viel Arbeit gemacht, die man bei exakten Vergleichen erkennt.

Käthi Bhend erzählt mir 2008 mit einem wohligen Schauder vom Zeitgeist Ende der 1980er Jahre, vom damaligen Tabu, bekleidete Tiere in Bilderbüchern auftreten zu lassen, von ihrer Trotzhaltung, es angesichts der „Ekeltiere“ dennoch zu tun, von den vielen schlechten Kritiken trotz der Leipziger Auszeichnung, aber auch von der großen Zustimmung, vor allem von Kindergärtnerinnen und den Kindern selbst. „Heute stören bekleidete Tiere niemanden mehr, aber noch vor zehn Jahren wäre eine so aufwändige Neuausgabe unmöglich gewesen“, sagt Bhend und erklärt die Details der „Renovierung“, wie sie die Überarbeitungen gerne nennt:

Da das neue Format niedriger und breiter ist und in der Erstausgabe die Bilder alle um 10 Prozent vergrößert worden waren, musste jedes Tableau angepasst werden. Jetzt entsprechen die Dimensionen wieder den Originalen.Doch genau betrachtet gibt es diese nicht mehr, sagt Käthi Bhend ohne Bedauern, denn manche Arbeiten konnten im Verlag am Computer gemacht werden, das Meiste jedoch musste sie von Hand korrigieren: kolorieren, kratzen, ergänzen …

Entkitscht

In einer Zeit, in der die große Mehrheit erzählender Bilderbücher das Jahr ihres Erscheinens nicht überleben, wandeln sich Käthi Bhends Kunstwerke behutsam. „Eigentlich könnte man ganz neue Bücher daraus machen“, lacht sie, relativiert aber gleich wieder: „Man darf sehen, dass es alte Bücher sind.“ Um den Veränderungsprozess zu benennen, benutzt sie kein anderes Wort so häufig wie „entkitscht“. Das Halstuch des halb transparenten und hilflos wirkenden Engerlings schimmert jetzt grünlich, Stock und Brille sind geblieben („Kinder verstehen sofort, warum“); Kerzenschimmer und schmetterlingshafte Farbexplosionen wurden gedämpft; neue Töne wurden eingepflanzt, damit die Unterwelt-Stimmungen nicht zu hart wirken; allzu Dekoratives wurde wegoperiert – mal von Hand, mal am PC. „Die schwarzen Tulpenzwiebel-Spaghetti sahen grusig aus, die habe ich sofort abgeschnitten.“ Besonders wichtig sind ihr die Farb- und Motiv-Veränderungen gegen Ende, da sie die Aussage der Geschichte verstärken – Vereinfachungen meist, um die Hauptsache zu betonen, dass die Tulpe in das blendende Weiß gelangt: „Alle Äste stören hier. Der Hintergrund der letzten Seite war blau, jetzt ist er schwarz, das ist eindeutig besser.“ Eine komparatistische Diplomarbeit läge hier begraben. Die Nacht im Zauberwald
Käthi Bhend konnte für die Renovierungen die Bilder nicht mit Wasser auflösen, da sie alles für eine Ausstellung in den 80er Jahren fixiert hatte, sondern musste mit Farb- und anderen –Stiften daran arbeiten. Das Ergebnis bezeichnet sie als „ruhiger“ und „moderner“. Dazu trägt auch die Typographie bei: Obwohl die Texte kaum verändert wurden und beispielsweise viele Diminutive wie „Käferchen“ usw. erhalten geblieben sind, wurden Schriftform, Zeilenfall und das gesamte Textlayout stark verändert. Und natürlich ist auf dem NordSüd-Umschlag das blaue Ravensburger Dreieck verschwunden. Zum Vorschein kommen zwei lesende Ameisen. Nur schon ihretwegen hat sich die Neuausgabe gelohnt. „Ab einem gewissen Punkt bringen Änderungen aber nichts mehr“, sagt Käthi Behnd, „es merkt sowieso niemand, wie viel Mühe darin steckt.“ Ebensolche hat sie in das Buch „Die Nacht im Zauberwald“ investiert, das früher bei Ravensburger „So ein Sausen ist in der Luft“ hieß. „Den Titel konnte sich doch keiner merken“, meint sie bescheiden.

Dabei erneuerte Ravensburger regelmäßig die Rechte, um die Neuinterpretation dieser Südschweizer Sage in Anthologien zu veröffentlichen. Als aber wieder einmal die Rechte an die Autorin zurückgefallen waren, packte NordSüd die Gelegenheit beim Schopf: „Lange bevor wir diese beiden Bücher ‚Im Traum kann ich fliegen’ und ‚Die Nacht im Zauberwald’ verlegt haben, bin ich immer wieder von ganz unterschiedlichen Bilderbuchexperten darauf angesprochen worden, ob ich den beiden Büchern nicht eine neue verlegerische Heimat bieten könne. Es sind einzigartige und zeitlose Bilderbuchklassiker, die wir wieder zum Leben erweckt haben“, sagt NordSüd Verlagsleiter Urs Giesling. Mehr als das: Käthi Bhend hat ihnen ein neues Leben geschenkt.

Altmeisterlich filigran

Als Beispiel möge das rundliche Geäst-Gesicht dienen, das in der Urfassung hinter einem Textfeld versteckt war: „Auf meinem Originalbild befand sich an der Stelle nur Schwarz“, sagt Käthi Bhend. Für die NordSüd-Ausgabe hat sie ein neues Bild gezaubert, ein weiteres Porträt unter ihren Waldschratten, Pilzgörpsen, Pflanzenelfen und Viehhexen. Die Texte wurden alle aus den Bildern entfernt und linksbündig angeordnet. Auf die hochgezogene Garamond wurde verzichtet, wodurch mehr Raum frei wurde. Aber mit manchen Änderungen ist Käthi Bhend nicht zufrieden. Die wunderbar verzierten Initialen der Urausgabe (die u.a. damals von Japanern nachgeahmt wurden) mussten jetzt aus Koproduktionsgründen weichen. Der Vorsatz – eine mit der Geschichte korrespondierende spiegelnde Fläche – ist verschwunden. Allerdings hatte auch Ravensburger es versäumt, den Seiten einen „Wasserglanz“ zu verleihen, so dass oft nur Kinder die Bedeutung des leeren und dunklen Auftakts verstanden. Und zentrierte Schriften findet Käthi+Bhend heute noch manchmal passender. Nur ausnahmsweise konnte sie die optische Harmonie auf der Krötendoppelseite gegen die fast durchgängige Linksbündigkeit wahren. „Damals habe ich alles mit der Schere gemacht, jedes Detail, jedes Komma exakt angeordnet, den Satzspiegel nach System immer auf gleicher Höhe. Für die Neuausgabe wurde am Computer oft ausgeglichen“, sagt Käthi Bhend, die sich der Digitalisierung verweigert. Vielleicht hat die Zeitlosigkeit ihres Stils auch etwas mit ihrer Technikfeindlichkeit zu tun. Käthi Bhends Strich („altmeisterlich filigran“ urteilte Monika Osberghaus in der FAZ) hat jedenfalls Jahrzehnte überdauert. 10_im-traum2.jpg
„Man kann sich nicht verleugnen. Es würde keinen Sinn machen, wenn jemand mit 65 versuchte, Erlbruch zu kopieren.“ Mit dem für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Walser-Buch “Einer, der nichts merkte” ist ihr vor fünf Jahren ein Coup gelungen. Der nächste steht bevor, aber darüber darf sie noch nichts sagen.

Käthi Bhend kam am 8. Juni 1942 in Olten zur Welt. Nach einer Grafikerlehre arbeitete Käthi Bhend in Werbeagenturen in Lausanne und Paris. Als sie einen Wettbewerb des Zürcher Lehrmittelverlages gewann, begann sie 1975, Kinderbücher zu illustrieren. Mit ihren Zeichnungen zu Geschichten von Hanna Johansen hat sie eine Reihe von Preisen gewonnen, darunter den renommierten Premio Grafico der Internationalen Kinderbuchmesse Bologna (1990). Mit „Einer, der nichts merkte“ (2003, Atlantis) ist Käthi Bhend eine hoch gelobte Walser-Interpretation gelungen. Heute lebt Käthi Bhend in Oberegg/AI.

Diese Kolumne erscheint außerdem im Eselsohr – der Zeitschrift für Kinder- und Jugendmedien.

6. March 2008

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1 Kommentar

  1. Torsten Muller schrieb am March 10, 2008:

    Dieses ist ein ausgezeichnetes Beispiel von ADEYAKA


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