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Alexander Sergejewitsch Puschkin, Revolutionär im goldnen Käfig

von wietek

Über seine Bedeutung für die Literatur große Worte zu verlieren, hieße „Eulen nach Athen zu tragen“; es wäre, als wollte man lobende Worte über Goethe schreiben.

Obwohl: Als ich mich einst telefonisch in einem Kino erkundigte, welcher Film gegeben werde, bekam ich zur Antwort „Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“. Verdutzt fragte ich „Wie? Von Goethe?“ Die Stimme verstummte, Musik im Hörer, dann „Ja, Goethe heißt der Mann.“
Den Namen Puschkin hätte ich der Dame sicher buchstabieren müssen, und auch dann hätte sie mit ihm nichts anfangen können.
Das trifft natürlich für die Leser des ZVAB nicht zu.
Dennoch, es muss über seine Bedeutung gesprochen werden; es sollen jedoch am besten die größten der russischen Schriftsteller zu Wort kommen und über diesen Olympier sprechen.

Am 8. Juni 1880 (Julianischer Kalender) hat Fjodor Dostojewskij vor der »Gesellschaft der Freunde der Russischen Literatur« seine – berühmt gewordene – Gedenkrede auf Puschkin gehalten. Er beginnt mit den Worten:
„Puschkin ist eine außergewöhnliche Erscheinung und vielleicht der bisher einzige Ausdruck des russischen Geistes”, sagt Gogol. „Ich füge von mir aus hinzu: ein prophetischer Ausdruck. Ja, in Puschkins Erscheinen liegt für uns alle, uns Russen, etwas zweifellos Prophetisches. Puschkin kam uns in einer Zeit, als sich zum ersten mal so etwas wie Selbsterkenntnis in unserer Gesellschaft hervorzuwagen begann, ein ganzes Jahrhundert nach der Reform Peters des Großen, und sein Erscheinen wirkte wie eine Überleuchtung unseres dunklen Weges mit neuem und bahnweisendem Licht. In diesem Sinne ist Puschkin in der Tat eine Prophezeiung und ein Programm zugleich.”
(Übersetzt von Fega Frisch, zitiert aus Alexander Puschkin, sämtliche Romane und Erzählungen in zwei Bänden, München, Buchenau & Reichert-Verlag 1923. Erster Band)

Fast genau 100 Jahre danach, am 17. April 1981, schreibt Lew Kopelew in der ZEIT unter dem Titel Puschkin erreicht Deutschland eine Rezension des damals erschienen Buches Alexander Puschkin: Jewgenij Onegin – Roman in Versen, Deutsche Fassung und Kommentar von Rolf-Dietrich Keil und beginnt:
„Wenn Ausländer über russische Literatur sprechen, fallen unweigerlich die Namen Tolstoij, Dostojewskij und Tschechow; wer etwas besser Bescheid weiß, nennt darüber hinaus noch Gogol, Turgenjew, Gorkij, Bunin und andere. Nur ganz wenige aber wissen und haben eine Vorstellung davon, was Alexander Puschkin (1799 – 1837) für die russische Dichtung, für die Entwicklung der geistigen Kultur Rußlands bedeutet hat.

In seinen Gedichten und Verserzählungen, in seiner künstlerischen und publizistischen Prosa ist jenes lebendige russische Wort (im höheren, geistigen Sinne) geschaffen worden, von dem bis auf den heutigen Tag immer neue Generationen nicht nur literarisch Tätiger, sondern überhaupt aller russischen Menschen zehren. Die grenzenlose Vielgestaltigkeit, die Macht der Musikalität und die Leuchtkraft des Puschkinschen Wortes nehmen wir von frühester Kindheit an in uns auf, ohne uns noch bewußt zu werden, daß wir schon verzaubert sind, ohne zu begreifen, wodurch eigentlich es uns so bestrickt und bezwingt.

Am 26. Mai (Julianischer Kalender) 1799 kommt Alexander Sergejewitsch Puschkin in Moskau zur Welt. Väterlicherseits entstammt er altem Bojarenadel, sein Urgroßvater mütterlicherseits war der Mohr des Zaren Peters I. Abraham Petrowitsch Hannibal, Prinz von Eritrea, Patenkind Peters des Großen, russischer Generalmajor und Gouverneur von Reval, ursprünglich ein äthiopischer Sklave, den Graf Tolstoi dem Zaren geschenkt hatte. Das schwarze Kraushaar Puschkins geht sicher auf ihn zurück. Im Lyzeum von Zarskoe Selo wird er als aristokratischer Nachwuchs für den Staatsdienst ausgebildet und beherrscht mehrere europäische Sprachen fließend; seine Umgangssprache ist – wie damals üblich – Französisch, in der er auch 1814 sein erstes Gedicht veröffentlicht; bald danach bedient er sich hauptsächlich des Russischen. 1820 lernt er den späteren Dekabristen Rylejew kennen und wird wegen politischer und satirischer Gedichte aus Petersburg ausgewiesen und nach Bessarabien strafversetzt. 1824 wird er vom Dienst suspendiert, auf das elterliche Gut verbannt und unter Polizeiaufsicht gestellt. Am 19. November stirbt unerwartet Zar Alexander I. Am 14. Dezember 1825 kommt es zu einer Militärrevolte in St. Petersburg (Dekabristenaufstand) in den zahlreiche Freunde Puschkins verwickelt sind. 121 Dekabristen werden als Staatsverbrecher verurteilt, 36 Todesurteile gefällt.

Zu diesem Zeitpunkt ist Puschkin schon ein bekannter Dichter und hat zahlreiche Gedichte und Poeme veröffentlicht: Ruslan und Ljudmila (1820), Der Gefangene im Kaukasus (1821), Die Räuberbrüder (1822), Die Fontäne von Bachtschissaraj (1822), Die Zigeuner (1824). Auch der erste Gesang von Eugen Onegin war 1823 bereits fertig geschrieben. Die Dichtung Graf Nulin und das durch die Lektüre des Tacitus angeregte Gedicht des Improvisators aus den Fragment gebliebenen Ägyptischen Nächten waren entstanden.
Anlässlich der Krönung Zar Nikolaus‘ I. werden alle Dekabristenurteile abgemildert, bis auf die fünf Hauptschuldigen werden alle nach Sibirien verbannt.
Am 8. September 1826 wird Puschkin von einem kaiserlichen Feldjäger aus Michailowskoje, dem elterlichen Gut, abgeholt und in schnellster Fahrt nach Moskau gebracht, wo der Kaiser gerade zu den Krönungsfeierlichkeiten weilt.

„Der Feldjäger”, erzählt der Dichter, „entriss mich der erzwungenen Vereinsamung, brachte mich express nach Moskau, geradewegs in den Kreml; staubbedeckt von der Reise, wie ich war, wurde ich in das Kabinett des Kaisers geführt.
‘Guten Tag, Puschkin’, rief mir der Kaiser entgegen, ‘bist du mit deiner Rückkehr zufrieden?’
Ich antwortete geziemend. Er sprach lange mit mir; dann fragte er:
‘Puschkin, hättest du am 14. Dezember teilgenommen, wenn du in Petersburg gewesen wärst?’
‘Ganz gewiss, Majestät’, antwortete ich, ‘alle meine Freunde waren an der Verschwörung beteiligt, ich hätte es nicht vermeiden können, dabei zu sein. Nur meine Abwesenheit hat mich davor gerettet, wofür ich Gott danke.’
‘Du hast genug Dummheiten gemacht’, erwiderte der Kaiser, ‘ich hoffe, du wirst nun vernünftig sein, und wir werden uns nicht mehr zanken. Du wirst mir alles schicken, was du schreibst, von heute ab bin ich selbst dein Zensor.’ ” (Übersetzt von Fega Frisch)

Damit ist Puschkin vollständig der Gnade des Zaren ausgeliefert, er ist ein Gefangener im goldenen Käfig. Zusätzlich ist er den Intrigen bei Hofe ausgeliefert, wo er in Graf Benkendorf einen heftigen und einflussreichen Widersacher hat. 1834, mit 35 Jahren, wird seine Lage besonders peinlich und drückend, er wird zum Kammerjunker ernannt, eine Hofcharge, die achtzehnjährigen Junkern anstand. Als einer der Großfürsten ihm zu dieser Ernennung gratuliert, antwortet Puschkin: „Ich danke untertänigst, Hoheit, bis jetzt haben alle über mich nur gelacht, Sie sind der erste, der mich beglückwünscht.”
1837 wird er durch eine Intrige in einen Ehrenhandel mit dem französischen Legitimisten George d’Anthés (Baron Heeckerer) gestürzt. Es wurde behauptet, seine Frau habe ein Verhältnis mit ihm.
Das Duell findet am 27. Januar 1837 statt, Puschkin wird tödlich verwundet und stirbt zwei Tage darauf unter schrecklichen Qualen. Nach dem Verhalten Graf Benkendorfs zu schließen, der den Zweikampf verhindern sollte, indem er die Gendarmen zum Tatort schicken sollte, sie aber in eine falsche Richtung lenkte, liegt die Annahme nahe, dass der Ausgang nicht unerwünscht und im Kalkül vielleicht vorgesehen war.

Puschkins bedeutendste lyrische Werke, mit denen er Weltruhm erreicht hat, sind an erster Stelle Eugen Onegin, Boris Godunow und Ruslan und Ljudmila.
Lew Kopelew schreibt über Eugen Onegin:
„Den Jewgenij Onegin hatten schon die ersten Kritiker eine Enzyklopädie des russischen Lebens genannt. Dieses Lob im Geiste aufklärerischer Traditionen und der ganze vielgestaltige Inhaltsreichtum führten sogar die gewissenhaftesten, begabtesten Übersetzer in die Irre. Dabei ist der „reine Informationsgehalt” dieses Versromans und vieler anderer, sozusagen „erzählender” Dichtungen Puschkins undenkbar außerhalb ihrer Lautgestalt, ihrer Rhythmen, Intonationen, Reime und Melodien, außerhalb der sichtbaren und beinahe tastbaren Bildvorstellungen, die Puschkins Wort erzeugt.
Deshalb habe ich immer zu denen gehört, die Puschkins Poesie und besonders seinen Onegin für unübersetzbar, für andere Sprachwelten unzugänglich hielten.“

Dies ist ein generelles Problem bei Übersetzungen, ganz besonders aber bei Lyrik, bei der die Form und der Laut über den Inhalt dominiert, und ganz besonders bei Übersetzungen aus dem Russischen, da die russische Sprache weit nuancenreicher als westeuropäische Sprachen ist; die Bedeutungsvielfalt einzelner Worte ist weit größer; viele Bedeutungen eines Wortes könne wir nur in Sätzen umschreibend wiedergeben. Thomas Mann hielt sogar die Übersetzung von Werken der Dichtung in eine andere Sprache schlicht für unmöglich. Und Swetlana Geier, die „Grande Dame“ der Russisch-Übersetzer hat mir an Puschkin-Gedichten demonstriert, wie allein aufgrund der lautmalenden Worte selbst das ins Deutsche gut übersetzte Gedicht nur ein schwaches Abbild des Originals ist.
Einfacher – aber deswegen nicht einfach – ist es bei der erzählenden Dichtung, der Prosa.
Ab 1827 hat sich Puschkin mehr und mehr diesem Genre zugewandt. Das Außergewöhnliche seiner Lyrik spiegelt sich auch in seiner Prosa wieder und es gibt hervorragende Übersetzungen, die dem Original sehr nahe kommen. Diese seine Erzählungen werden ganz sicher – wie mich – jeden Leser begeistern.

Erzählungen und Romane

Die Hauptmannstochter (1836), historischer Roman über das Leben Pugatschows
Der Mohr Peters des Großen (unvollendet, begonnen 1827) über Puschkins aus Eritrea stammenden Urgroßvater
Dubrowskij (unvollendet, begonnen 1823/33)
Die Erzählungen des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin (1831), beinhaltet die Einzelerzählungen Der Sargtischler, Der Posthalter, Der Schneesturm, Der Schuss und Das Edelfräulein als Bäuerin
Die Geschichte des Pfarrdorfes Gorochino
Pique Dame (1834)
Rosslawljew
Kirdschali
Ägyptische Nächte (Fragment, 1835)
Geschichte des Pugatschew’schen Aufruhrs (deutsch, Stuttgart, 1840)

6. February 2008

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8 Kommentare

  1. Joachim Winsmann schrieb am February 6, 2008:

    Ein schöner Kommentar, an den ich am liebsten noch meine Rede vor dem int. Puschkinsymposium im Jahr 2003 hängen würde, die aber jeder, der mag, im Internet nachlesen kann, wenn er ein wenig unter Dekabristen stöbert. jvincey

  2. Ralf Hellbart schrieb am February 7, 2008:

    Hanns-Martin Wietek gebührt Dank und Anerkennung für seine wertvollen Zusammenfassungen (Puschkin, Berberowa, Gorki) ! Ich freue mich schon auf weitere Artikel von ihm.

    Ralf Hellbart

  3. Hanns-Martin Wietek schrieb am February 7, 2008:

    Seien Sie gegrüßt Herr Winsmann.
    Ihre hervorragende Rede vor dem Internationalen Puschkinsymposium 2003 kann wirklich nahtlos an meinen Beitrag geheftet werden. Damit niemand lange suchen muss, habe ich hier den Link aufgenommen.
    Und Ihre Arbeiten über die Dekabristen und deren Frauen sind wirklich lesenswert. Daher auch hier der Link.
    Beste Grüße
    Ihr
    hmw

  4. Hanns-Martin Wietek schrieb am February 7, 2008:

    Seien Sie gegrüßt Herr Hellbart.
    Danke für Ihre anerkennenden Worte (bin fast rot geworden).
    Will Ihnen die Spannung nicht nehmen und verrate meinen nächsten Protagonisten nicht.
    Sie sollten aber Ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen und alle an Ihrer großen und wertvollen Arbeit teilhaben lassen.
    Hier Ralf Hellbarts hervorragende Arbeiten.
    Herzliche Grüße
    Ihr
    hmw

  5. Bjoern schrieb am February 15, 2008:

    Puschkin saß gestern in unserer Kneipe und war tuechtig sauer. Er wolle einem “Eugen onehin noch auf die Glocke hauen” und diese Hauptmannstochter ließe er sich doch nicht ausspannen!

  6. Prof. Albert Obholz schrieb am May 3, 2008:

    Sehr geehrter Herr Wietek,
    vielen Dank für das biographische Essay über Puschkin und die Übersetzung des Lermontow Gedichtes. Leider, dass die beiden Dichter den meisten Deutschen unbekannt sind. Sie wissen genau, dass sie viele Freunde und Bekannte unter den Russlanddeutschen damals gehabt haben. Ich habe ein Buch “Puschkin und Russlanddeutsche” in russischen Sprache geschrieben und dabei einen Artikel “Deutsche in Lermontows Schicksal”. Ich suche nach finanziellen Möglichkeiten meine Werke zu veröffentlichen und zu übersetzen.
    Mit freundlichen Grüßen Prof. Albert Obholz

  7. Das Erbe der Dekabristen, Teil 2 « ZVABlog schrieb am September 22, 2008:

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  8. ludwig schrieb am October 6, 2009:

    toller beitrag, ich mag russische literatur, leider kann ich kein russisch und habe nur übersetzungen gelesen.


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