Arno Holz: „Kunst = Natur - x“. Theoretiker des Naturalismus und Vater der modernen Literatur
von Carsten Tergast
Persönliche Widmung des Reichskanzlers Stresemann, Ehrendoktorwürde der Universität Königsberg, Aufnahme in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie, mehrfach für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen. Man könnte meinen, das literarische Leben des Arno Holz müsste ein so erfolg- und ruhmreiches gewesen sein, dass er bis heute zu den Standardautoren gehört.
Nun hat Holz tatsächlich seinen festen Platz in den Literaturgeschichten, gilt er doch als zentrale Figur des Berliner Naturalismus. Doch wer kennt das Werk des gebürtigen Ostpreußen (26.4.1863 in Rastenburg) heute wirklich noch? Naturalismus, das ist heute im literarischen Bewusstsein höchstens noch mit dem Namen Gerhart Hauptmann verbunden, ein Umstand, den Arno Holz schon zu Lebzeiten wahr nahm und als schmerzlich empfand, schließlich war Hauptmann seiner Meinung nach höchstens einer seiner talentierteren „Schüler“. Die 1896 erschiene Komödie Sozialaristokraten thematisiert diese Umstände, Holz rechnet darin auf satirische Weise mit seinen Berliner Schriftstellerkollegen ab, mit denen er zuvor die Fahne des Naturalismus in Deutschland aufrecht gehalten hatte.
Holz, der anders als viele seiner Autorenkollegen Autodidakt und nicht in den Genuss eines umfangreichen literarischen Studiums an der Universität gekommen war, verband in seinem Werk stets Theorie und Praxis miteinander.
So korreliert die 1899 erschienene Revolution der Lyrik mit den Phantasus-Gedichten, die ab 1898 eine stete Bearbeitung erfuhren, bis sie schließlich nach Holz’ eigener Aussage zu einem „Riesen-Phantasus-Nonplusultra-Poem“ geworden waren, das mit Wortreihungen und Klangmalerei sowie in rhythmischer Hinsicht überzeugte. Auch die graphische Gestaltung, bei der die Verse an einer imaginierten Mittelachse ausgerichtet sind, ist so eigenwillig, dass sie in der Literaturgeschichte als etwas Besonderes dasteht.
Arno Holz war in seiner Lyrik zunächst von der konventionellen Dichtkunst des „Jahrhundertdichters“ Emanuel Geibel beeinflusst, emanzipierte sich von solch epigonaler Dichtung jedoch schnell und wurde bereits in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts zu einem der engagiertesten Vertreter einer modernen Dichtung, die Sozialkritik in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellte. Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen (1886) ist das Werk, das von diesem modernen Gestaltungswillen des jungen Ostpreußen kündet, und Holz wird schnell zum Mittelpunkt einer kleinen Schar junger Intellektueller, deren Ziel nicht weniger als die Revolutionierung des Theaters ihrer Zeit ist. 1889 wird in Berlin der Theaterverein „Freie Bühne“ gegründet, 1890 folgt die gleichnamige Zeitschrift, Arno Holz ist in vorderster Front mit dabei.
Zu diesem Zeitpunkt hat sich der Autor längst die theoretischen Grundlagen seiner Dichtkunst angeeignet, die Lektüre der französischen Positivisten, der englischen Empiristen und vor allem die Beschäftigung mit den Grandseigneur des französischen Naturalismus, Emile Zola, prägen das Schaffen von Holz und machen ihn zum Theorie-Guru der Berliner Naturalisten.
Es bleibt jedoch nicht bei der Theorie, die Studien finden ihren Niederschlag in einigen Werken, von denen vor allem die gemeinsam mit Johannes Schlaf herausgegebenen Prosaskizzen Papa Hamlet (1889), Neue Gleise (1892) und das Drama Die Familie Selicke (1890) hervorzuheben sind.
Vor allem diese Werke waren es, die zum Inbegriff des deutschen Naturalismus werden sollten, intensive Beobachtung und naturgetreue Nachahmung waren ihre hervorstechenden Merkmale und wirken bis in die Dokumentarliteratur der Gegenwart nach. Höhepunkt der theoretischen Auseinandersetzung mit den Grundlagen naturalistischer Kunst ist Arno Holz’ Programmschrift Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze (1891/1893), aus der auch das berühmte Motto „Kunst = Natur – x“ stammt.
Literarhistorisch war dem Naturalismus deutscher Prägung nur eine kurze Wirkungszeit beschieden, die sich auch nachteilig auf den Bekanntheitsgrad von Arno Holz ausgewirkt haben mag. Als Grundlage all der ¬nachfolgenden Stile, Ismen und Richtungen ist er jedoch vielleicht eine der wichtigsten Neuerungen in der deutschen Literatur gewesen, und Arno Holz einer seiner Verkünder und Theoretiker. Allein das scheint Grund genug für eine Neuentdeckung des Phantasus-Autors, um besser zu verstehen, was die moderne Literatur bis in die Jetztzeit geprägt hat.
Arno Holz starb am 26. Oktober 1929 in der Stadt, in der er nach seinem Wegzug aus Rastenburg ununterbrochen gelebt hatte und die mit ihm in einer literarischen Wechselwirkung par excellence stand: in Berlin.
Arno Holz im ZVAB
Klinginsherz. Gedichte (1883)
Emanuel Geibel. Ein Gedenkbuch (1884)
Deutsche Weisen (1884)
Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen (1886)
Papa Hamlet (1889)
Die Familie Selicke (1890)
Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze (Band 1: 1891; Band 2: 1892)
Neue Gleise (1892)
Der geschundne Pegasus (1892)
Das Ende einer Zeit in Dramen. Socialaristokraten (1896)
Phantasus (1898 – 1899)
Revolution der Lyrik (1899)
Die Blechschmiede (1902)
Aus Urgroßmutters Garten. Ein Frühlingsstrauß aus dem Rokoko (1903)
Lieder auf einer alten Laute (1903)
Dafnis. Lyrisches Portrait aus dem siebzehnten Jahrhundert (1904)
Traumulus (1904)
Sozialaristokraten (1905)
Frei! Eine Männerkomödie in vier Aufzügen (1907)
Sonnenfinsternis (1908)
Gaudeamus! (1909)
Ignorabimus (1913)
Phantasus. Erweiterte Neuauflage (1916)
Flördeliese (1919)
Die befreite deutsche Wortkunst (1921)
Kindheitsparadies (1924)
Der erste Schultag (1924)
Neue Liebesgedichte (1925)
Stichwörter:
Arno Holz, Berlin, Geschichten, Moderne Literatur, Natur, Naturalismus, prosa, Zu gut zum Vergessen, ZVAB9 Kommentare
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Detlef Gerd Stechern schrieb am 9. Januar 2008:
Lieber Herr Tergast,
es heißt richtig “Der geschundne Pegasus” statt falsch “Der geschundene Pegasus” - zumindest bei Holz und Schlaf.
Das ist zwar einerseits egal aber andrerseits bedeutend insofern im ZVAB die Bücher der Kollegen aufgeführt werden, die den Titel falsch abgeschrieben haben.
Sapienti sat! meint Antiquariat Halkyone
Detlef Gerd Stechern
ZVAB schrieb am 9. Januar 2008:
Sehr geehrter Herr Stechern,
vielen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Fehler inzwischen korrigiert, den übrigens nicht Herr Tergast gemacht hat, sondern wir.
Viele Grüße
Ihr ZVAB Team
Carsten Tergast schrieb am 9. Januar 2008:
Lieber Herr Stechern,
da waren die Kollegen schneller als ich und haben mich zum Glück gleich entlastet…
Aber schön, so aufmerksame und kundige Leser zu haben!
Herzliche Grüße,
Carsten Tergast (geschundner Autor…)
Anonymous schrieb am 11. Januar 2008:
arno holz war
heute wenig
früher mehr
revolutionehr
Detlef Gerd Stechern schrieb am 16. Januar 2008:
“Aber schön, so aufmerksame und kundige Leser zu haben!”
Danke für die Blumen. Ich dachte bis neulich, ich wäre der einzige Arno-Holz-Leser, aber schön, dass dem nicht so ist. Nun sind wir schon zu zweit.
Vielleicht Anlass für ein gemeinsames Billardspiel und Liquerverzehr bei passender Gelegenheit ;-)
Thomas schrieb am 19. Januar 2008:
Sehr geehrte Redaktion
Leider kann ich den Artikel von Herrn Tergast im Firefox 2.0.0.11 nicht vernünftig darstellen. Gegenprobe im Explorer und Mozilla 1.7 unterscheiden sich dadurch, daß daselbst die Links dargestellt werden. Liegt das evtl. an der von Ihnen verwendeten HTML-Version oder an einem Fehler meinerseits? Sie können sich vorstellen, daß ich zunächst viele Fehler in dem Text “fand”…
Herzlichen Dank für Ihre Antwort
ZVAB schrieb am 21. Januar 2008:
Danke für Ihre Nachricht. Leider können wir den von Ihnen geschilderten Fehler nicht reproduzieren weder mit Firefox noch mit dem Internet Explorer. Tritt der Fehler bei Ihnen weiterhin auf?
Carsten Tergast schrieb am 24. Januar 2008:
Lieber Herr Stechern,
Billard und Liquer: jederzeit… :-)
Hamburg ist nicht weit von mir, harren Sie also der Heimsuchung…
Gruß von holz2 aus dem äußersten Nordwesten
Walter Hettche schrieb am 1. Februar 2008:
“Ich sei, gewährt mir die Bitte
in Eurem Bunde der dritte!”
Auch ich bin ein eifriger Holz-Leser; wir brauchen, glaube ich, nur noch vier weitere, dann können wir nach deutschem Vereinsrecht einen Arno-Holz-Verein gründen.