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Die Buchbalz – eine Weihnachtsgeschichte

von konecny

Schon mit vier war ich ein Dauergast in der Bibliothek – in der Bücherei unseres nordmährischen Städtchens. Während meine Mutter und die junge Bibliothekarin hinter einem Bücherregal türkischen Kaffee schlürften, spielte ich auf den knarrenden Holzdielen. So hatten mich die Frauen ständig unter Kontrolle und konnten gemütlich über die neuen Krimis palavern – Mord und Totschlag – oder auch über meine Erziehung – damit mir selbst der Galgen erspart bliebe! Klar zogen mich die Bücherregale magisch an. Durch die Lücke zwischen den Büchern konnte ich die nackten Beine der Bibliothekarin beglotzen – Buch- und Beinblick – als mochten mir die langen Frauenbeine aus den grauen sozialistischen Röcken ragend den Weg in die Zukunft weisen! Doch ich wollte noch nicht in die Zukunft blicken, ich wollte hinauf zu den Sternen fliegen, nach oben ins Regal, zu diesem wunderschönen Buchdeckel, von wo mich vor dem Hintergrund eines Nachthimmels ein schreckliches Alien anstarrte. Immer wenn ich aber ganz oben war, kurz vor dem Ziel, und meine Hand nach dem grandiosen Buch streckte, sprang die Bibliothekarin von ihrem Stuhl auf, lief auf ihren langen Beinen um die Regale herum, mächtige Hände schnappten mich und zerrten mich wieder nach unten. „Das ist ein Buch für Erwachsene, Kleiner!“, sagte sie. So wurde für mich jede Frau mit Buch zu einer „höheren Gewalt“, die dich immer wieder von deiner Wanderung zu den Sternen runter holen und ganz klein machen kann. Übergöttinen!

Magda aus unserer Straße war auch so eine. Sogar als der Nikolaus den Schnee nach Nordmähren brachte und wir Kinder hinter seinem Pferdeschlitten herrannten, lief Magda mit einem Buch in der Hand mit. Der Nikolaus fuhr von Haus zu Haus und brachte Nüsse und Orangen – von einem Engel und zwei brutalen mit Besen bewaffneten Teufeln begleitet, die sich sofort auf uns Kinder stürzten, sobald der große Schlitten anhielt. Nach ein paar Hausbesuchen waren die Teufel zum Glück schon so besoffen, so dass wir ihnen mühelos entwischten. Einmal schmiss es beim Ausstieg aus dem Schlitten sogar den Nikolaus hin, er versuchte sich auf dem vereisten Boden am Engel festzuhalten, der Engel an den Teufeln – gemäß der göttlichen Hierarchie – und das ganze himmlischteuflische Quartett wälzte sich einträchtig besoffen auf einem Haufen. Die Kinder brüllten vor Lachen, Magda und ich auch, na, klar, wir lachten zusammen, doch sie anzusprechen wagte ich nicht. Sie war für mich nun mal eine Frau mit Buch! Angst einflößend!

Das wurde mit fünfzehn noch schlimmer: Wenn Magda durch unsere verschneite Straße nach Hause trippelte, ihre schwarzen Haarsträhnen auf der Schulter mit Schneeflocken geschmückt, ein Buch in der Hand… So schön winterlich mit ihrer bunten Strickmütze mit Bommel!

Am frühen Nachmittag vor dem Heiligen Abend schwärmten wir Kinder und Jugendliche einträchtig auf die Straße aus. Unsere Mütter schickten sich an, die Karpfen zu morden, die in den letzten Tagen unsere Badewannen okkupiert hatten. Die Blut scheuenden Väter stapelten die Geschenke unter der Tanne. Bald konnte das Festessen beginnen! Trotz der sozialistischen Mangelwirtschaft hatte meine Mutter alles Notwendige für den Heiligen Abend aufgetrieben: Karpfen, Erbsen für die Suppe, das ganze Gemüse für den böhmischen Kartoffelsalat, Eierlikör… Meine Mutter kannte jede und jeden, mit meiner Mutter gingst du im Sozialismus nicht zu Grunde, meine Mutter lief ständig durch die Stadt, bequatschte alle und hielt die sozialistische Vetternwirtschaft in Gang. So konnte ich sorglos noch kurz vor der Bescherung in das Schneeschön nach draußen jagen. Wir schoben also die Schlitten unsere Straße hinauf bis ganz nach oben zur St.-Johann-Kapelle. Dort bauten wir den Schlittenzug: Ein Schlitten nach dem anderen, zehn Schlitten hintereinander, durch die Hände der stärksten Jungs verbunden. Und schon fuhr der Schlittenzug los, und bald raste er unsere Straße hinunter. Vor Autos mussten wir keine Angst haben, die sozialistische Winterwirtschaft praktizierte notgedrungen den Umweltschutz und streute nicht. In unserer Straße gab es sowieso nur ein Auto, einen Volvo, und der fuhr momentan nicht, weil der Nachbar wegen der Ersatzteile nach Schweden hätte fahren müssen, was ohne Genehmigung recht schwierig war. Die einzige Gefahr für den Schlittenzug stellte die scharfe Kurve vor unserem Haus dar. Wenn einer von den neun Jungs, welche die zehn Schlitten zusammen hielten, die Steuerung vermasselte, flogen wir in die Schneewehen am Rande der Straße. Und gerade an diesem Tag – zwei Monate nach meinem fünfzehnten Geburtstag – fuhr Magda direkt vor mir. Zum ersten Mal im Leben durfte ich ihren Schlitten halten und steuern. Mein Gesicht fast in ihren Pelzmantel vergraben. Und plötzlich… plötzlich lehnte sich Magda weit nach hinten und legte ihren Kopf auf meine rechte Schulter. Und das gerade in der Todeskurve! Boah! Vor lauter Schreck riss ich ihren Schlitten herum, und schnurstracks schoss unser Schlittenzug aus der Bahn. Wir flogen! Mann, flogen wir! Wie Engel! Magda und ich flogen zusammen und fielen auch zusammen und übereinander – in die Schneewehen am Zaun des Nachbarn – ihr Gesicht ganz nah an meinem. Ein Weilchen lagen wir dort, lachten und schwiegen, die anderen lachten und fluchten, wir guckten uns in die Augen… sie trug Schnee im Gesicht, an den Wimpern, an der Nase… von den Lippen leckte sie sich den Schnee ab und sagte: „Hast du zufällig „Der Fänger im Roggen“ von Salinger zu Hause?

„Leider nicht!“, sagte ich. „Das Buch war gleich nach Erscheinen ausverkauft. Nicht mal meine Mutter hat eins bekommen. Dabei ist sie mit der Buchhändlerin befreundet.“ Mann! War ich stolz auf mich, dass ich von Angesicht zu Angesicht mit Magda drei vernünftige Sätze hingekriegt hatte.

„Schade!“, sagte sie. „Meine Mutter wollte mir das Buch zu Weihnachten schenken. Hat stundenlang in der Schlange vor der Buchhandlung gestanden… und ist auch leer ausgegangen.“

„Weiter fahren!“ Leider krallte sich mein Freund Venca das Ende von Magdas Schlitten und vorbei war’s mit Magda und mir. Verdammt! Warum hatte nicht einmal meine Mutter den blöden „Fänger im Roggen“ aufgetrieben? Wenn ich’s hätte, könnte ich jetzt mit dem Fänger ’nen ganz großen Fang machen! Eine Buchgöttin fangen!

Der Duft gebratener Karpfen trieb uns zurück in die Häuser. Schade, schade! So ’ne große Chance bei Magda – und vorbei! Klar besserte sich meine Laune nicht einmal durch die Aussicht auf Geschenke. Worauf sollte ich mich schon freuen als Fünfzehnjähriger? Ich brauchte ja keine Luftpistole mehr, keinen Fußball… Socken würde es sicher geben. Im Überfluss! Etwas zum Lesen wohl auch. Leider konnte ich meiner Mutter irgendwie nicht klar machen, dass ich jetzt mit fünfzehn nicht mehr so auf Astrid Lindgren stand. Noch vor einem Jahr hatte ich mir ’nen Chemiebaukasten gewünscht. Jetzt spukte mir nur Magda im Kopf herum! Lustlos schickte ich mich an, die „Kinder aus Bullerbü“ auszupacken – oder was für ein Buch es auch heute sein würde. Vielleicht schlüpfte halt „Das gefrorene Schiff des Kapitän Flint“ von Arthur Ransome aus dem Paket? Oder gar „Der fünfzehnjährige Kapitän“ von Jules Verne? Mir egal! Ich war auch fünfzehn, Mann! Doch ich wollte kein Kapitän mehr sein! Ich wollte Magda! Mit ihr über Bücher ratschen, sie an der Hand halten… Ich riss das Geschenkpapier auf. He? Was war das? Ich guckte zur Mutter, die verschmitzt grinste, und dann wieder zu dem gerade ausgepackten Buch! Mama mia! Von dem weinrot gemusterten Umschlag des Buches lachte mich der genialste Buchtitel der Welt an: „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger. Mann, oh, Mann! Mutter! Du alte Trickserin! Du hast das Buch doch bekommen?

Die halbe Nacht hatte ich Wachträume über die Zukunft statt zu schlafen. Am Vormittag packte ich das Buch „Der Fänger im Roggen“ und ging Magda besuchen.

Tja. Sicher habt Ihr auch mal solch wunderbare Weihnachten erlebt. Und wenn nicht, dann wird es höchste Zeit: Schöne Bescherung!

17. December 2007

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9 Kommentare

  1. max Blaeulich schrieb am December 17, 2007:

    Lieber Konecny,

    eine schöne Geschichte. Hätte ich von Dir nicht erwartet.
    Grüße
    Max Blaeulich

  2. Jaromir Konecny schrieb am December 17, 2007:

    Lieber Max,

    jetzt weiss ich nicht, ob ich Deine Worte als Lob (1. Satz) oder Tadel (2. Satz) interpretieren soll… wie dem auch sei – vielen Dank! Und was macht das schöne Salzburg? Und Deine Literatur? Wann kommt von Dir das nächste Buch heraus?

    Liebe Grüße

    Jaromir

  3. Jaromir Konecny schrieb am December 20, 2007:

    Tja, “Übermenschinnen” kamen mir irgendwie zu blöd vor, und bei den Buchfrauen kann man ruhig ganz hoch nach oben gucken. Leider hat man “Göttinen” schon zu oft verbraten. “Du, Göttin, du!” erinnert einen doch eher an einen billigen Softporno als an Weihnachten. Und, unter uns: Viele “Göttinnen” sind schon etwas dämlich, oder? So mussten “Übergöttinnen” her. Dachte ich mir auf jeden Fall so – als Tscheche.

    Liebe Grüße

    Jaromir

  4. Andi schrieb am December 20, 2007:

    Lieber Jaromir,

    zu dem Wort “Übergöttinen” :

    ich meinte dass als Kompliment, obwohl mir gerade auffällt dass mein Satz dafür doch zu neutral war-

    “interessant” ist für mich als Bedeutungsträger a priori positiv besetzt um es mal neunmalklug zu sagen,
    jedenfalls in der Schriftsprache.
    Also nicht das gleiche “interessant” welches manchmal als Antwort dient wenn die Freundin fragt wie das Gericht schmeckt, dass sie einem eben noch enthusiastisch aber zum ersten mal und untalentiert zubereitet hat.(-:

    Denn wenn man das Wort “Übergöttinen” googlet, dann gibt es nur, soweit ich dass sehe, einen einzigen Eintrag der nicht auf deinen Blog hier verweist.
    Dies ist mir aufgefallen und dass find ich interessant.

    Wünsch dir ein Frohes Fest!
    Andi

  5. Uwe Gaitzsch schrieb am December 20, 2007:

    Ach ja, ein Herz, IHR Herz mit einem Buch zu erobern… wenn das so einfach wär.

  6. Jaromir Konecny schrieb am December 20, 2007:

    Lieber Andi,

    irgendwie hatte mich das “Philosophieren” über die “Übergöttinnen” so verführt, dass ich mich bei Dir für das Kompliment zu bedanken vergaß – aber ich hab’s tatsächlich als Kompliment aufgefasst. Danke!

    Jetzt ist mir aber zu den “Übergöttinnen” doch noch etwas eingefallen: Als Steigerung eines Superlativs müsste man’s eigentlich verbieten. Kann es noch etwas “über Gott” geben? Na, ja, wenn man bedenkt, dass “Gott” eine menschliche Definition ist, wohl schon.

    Übrigens kann ich allen, die an “Gott” als menschliche Definition interessiert sind, das überaus interessante Buch von Richard Dawkins “Der Gotteswahn” empfehlen.

    Bist Du der Andi, den ich kenne – aus Luzern?

    Liebe Grüße

    Jaromir

  7. Andi schrieb am December 20, 2007:

    Hi nochmal-

    ne , ich bin der Andivalent ausm Vereinsheim letzten Sonntag.

    Man sieht sich spätestens April denk ich.
    Ciao

  8. Jaromir Konecny schrieb am December 21, 2007:

    Tja, Andi – da siehst Du, wie ich langsam verblöde. Wie gesagt, würde ich mich freuen, wenn Du mal mit uns im Vereinsheim auftrittst. Vielleicht sehen wir uns aber noch vor dem April – München ist ja nicht so groß.

    Liebe Grüße

    Jaromir

  9. Jaromir Konecny schrieb am December 21, 2007:

    Lieber Uwe Gaitzsch, liebe Leute,

    das stimmt! So einfach läuft die Eroberung von IHR nicht – mit einem Buch! Früher schien mir sogar, Bücher seien eher hinderlich dafür. Andererseits wäre das Leben ziemlich langweilig, wenn Eroberungen so einfach wären.

    Be/sinnliche Feiertage und einen bunten aber gesunden Rutsch wünscht Euch allen, die Ihr statt zu “weihnachteln” noch am Computer hockt

    Jaromir

    PS: Und ab geht’s – in den wilden Osten!


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