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„Ich bin ein doppelter Mensch“ – Georg Kaisers lebenslanger literarischer Kampf gegen das Böse

von tergast

„J’ai gagné la bataille!“ Das sollen die letzten Worte von Georg Kaiser gewesen sein, bevor er am 4.6.1945 in einem Hotelzimmer in der Schweiz seinen letzten Atemzug tat. Die „Bataille“, der stete Kampf, das große Ringen, das war ein genialisch geprägtes Künstlerleben, das kaum einen Exzess, kaum eine Inszenierung ausließ. Auf der anderen Seite schlug sie sich auch in einer enormen Textproduktion nieder, die mehr als siebzig Dramen umfasst, daneben aber auch sämtliche anderen Textgattungen wie Romane (nennenswert etwa: Es ist genug, 1932 oder Villa Aurea, 1940), Erzählskizzen, Briefe und auch Lyrik, ja sogar Filmexposés verfasste Kaiser, der in den 66 Jahren seines Lebens ein geradezu manischer Schreiber gewesen zu sein scheint.

Als fünfter von sechs Söhnen eines Versicherungskaufmanns kommt Georg Kaiser am 25. November 1878 in Magdeburg zur Welt. Das Milieu seiner Eltern ist das ländlich-bäuerliche der Mark Brandenburg, Kaiser selbst entflieht all dem zunächst in eine Buchhändlerlehre, die er zugunsten eines Wechsels ins Ex- und Importwesen wieder aufgibt. Er verdingt sich als Kohlentrimmer auf einem Frachtdampfer nach Südamerika und arbeitet schließlich drei Jahre lang als Kontorist im AEG-Büro in Buenos Aires.

Bis dahin tritt Kaiser als Schriftsteller kaum in Erscheinung, auch wenn die Literatur sein Leben bestimmte, so habe er etwa auf dem Dampfer nach Südamerika „zwischen den Kaffeesäcken seinen Platon gelesen“, ließ Kaiser später einmal verlauten. 1908 jedoch heiratet Kaiser Margarethe Habenicht, Tochter aus gutem Hause, die ihm zwei Söhne und eine Tochter gebären wird. Die Heirat macht den unsteten Literaten finanziell unabhängig, so dass er sich fortan der freien Schriftstellerei hingeben und nebenbei einen recht aufwändigen Lebensstil pflegen kann.

Die Bürger von Calais und das Stationenstück Von morgens bis mitternachts kennzeichnen Kaisers Aufstieg zum gefeierten Bühnenautor, mehr als vierzig Uraufführungen und Inszenierungen in aller Welt pflastern seinen erfolgreichen Weg, bis dieser 1933 ein jähes Ende findet. Kaiser, im ersten Weltkrieg nur kurz beim Roten Kreuz tätig, tut sich durch sozialistisches und antimilitaristisches Engagement hervor, etwa mit den Stücken Die Lederköpfe, Ächtung des Krieges oder Mississippi. Dies reicht, um bei den Nazis zur persona non grata zu werden, der Verfemung anheimzufallen. So bezeichnete ihn etwa der bekannte NS-Literaturwissenschaftler Adolf Bartels als „bolschewistisch“ und „verjudet“, seine Streichung von der Mitgliederliste der Preußischen Akademie, der er seit 1926 angehörte, folgt auf dem Fuße.

Angeboten von Goebbels, sich zum NS-Staat zu bekennen, widersteht er, entzieht sich 1938 nur knapp dem Zugriff der Gestapo und flieht in die Schweiz. Dort entsteht das Spätwerk, das von antifaschistischen Stücken geprägt ist, aber auch immer wieder biblische und antike Themen benutzt, um die grausame Realität in Deutschland zu spiegeln. Späte Stücke wie Der Soldat Tanaka oder Der Schuß in die Öffentlichkeit können unter den Umständen der Zeit keine Erfolge mehr bringen, das gesamte Schreiben ist nur noch ein ohnmächtiges Aufbäumen gegen die faschistische Barbarei, und wird es bis zum Tode nur einen Monat nach Kriegsende bleiben.

Kaisers Gesamtwerk ist als „diffus“ und „ziellos“ beschrieben worden, eine Folge vielleicht der Vielschreiberei, unzweifelhaft ist jedoch die Meisterschaft, die der Expressionist mit seinen Verkündigungsdramen und der Stationentechnik erreichte. Das Schwanken seiner Zeit zwischen utopischem Bewusstsein und totaler Zivilisationkritik zeigt sich besonders gut in der Gas-Trilogie (Koralle; Gas; Gas, zweiter Teil) in der mustergültig beschrieben wird, wie die Menschheit sich bis in letzte funktionalisieren lässt und damit ihrer Selbstvernichtung entgegenschreitet.

Georg Kaiser war künstlerischer Einzelgänger, versuchte sich als solcher, den Wirren seiner Zeit allein entgegenzustellen, musste jedoch zwangsläufig daran scheitern. 1920 gestand er seinem psychiatrischen Gutachter: „Ich bin ein doppelter Mensch. Ein Georg Kaiser, creator und ein Georg Kaiser, ein Ausgestoßener.“

Es ist an der Zeit, diesen Ausgestoßenen heute wieder in die Mitte unserer Lektüre zu holen, um zu erahnen, was lebenslange „Bataille“ bedeutet und wie man sie mit literarischen Mitteln führen kann.

26. November 2007

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3 Kommentare

  1. Joachim Köhring schrieb am December 19, 2007:

    Tag, Du. Schön zu sehen, dass Du einen blog mal auf sinnvolle Weise nutzt, nicht so wie etwa ich…. (siehe: http://www.eintraumspiel.de.am) Hoffe, Dir und Familie geht es soweit gut. Ich wünsche euch schon mal auf diesem Wege schöne Feiertage und einen guten Rutsch… Vielleicht sieht man sich ja mal in 2008 wieder. Übrigens läuft da an der Studiobühne so ein Stück, Strindbergs “Ein Traumspiel”, soll ganz gut werden, kenne den Regisseur…
    In diesem Sinne, schöne Grüße aus dem kalten PB,
    Joe

  2. Matthias Seidl schrieb am January 21, 2008:

    könnte mir jemand sagen ob Georg Kaiser irgendwelche auszeichungen erhalten hat

  3. Thea schrieb am November 4, 2008:

    wer kennt “Masken” von Kaiser


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