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Identitätssuche im deutsch-jüdischen Kontext: Jakob Wassermann

von tergast

Welch bleibende Wirkung die Jahre der nazistischen Barbarei hatten, lässt sich u.a. auch auf dem Feld der Literatur bestens studieren. Viele der von den braunen Horden verfemten Autoren, deren Bücher auf dem Scheiterhaufen landeten, waren vor dem Dritten Reich viel gelesene, bekannte und geschätzte Autoren. Einer der Wichtigsten, bei dem diese Scheiterhaufen-Zäsur bleibende Wirkung hinterlassen hat, ist zweifelsohne Jakob Wassermann.

Im März 1873 im fränkischen Fürth geboren, hätte aus dem kleinen Jakob ein Spielwarenfabrikant werden können, wenn er die auf Geheiß des Vaters 1889 in Wien begonnene Lehre im Geschäft seines Onkels ernst genommen und beendet hätte. Doch Jakob fühlte sich zu anderem berufen, Schreiben war sein Metier, und so schmiss der junge Mann die Lehre, um sich zunächst auf eine unstete Wanderschaft zu begeben, die ihren negativen Höhepunkt in den Erfahrungen einer einjährigen Militärzeit in Würzburg hatte. Wassermanns Erlebnisse dort müssen in etwa vergleichbar mit den Grausamkeiten sein, die Rilke in St. Pölten erlebte und werden in beiden Fällen eine prägende Zeit für den späteren Schriftsteller gewesen sein.

Prägend für Jakob Wassermann, das lässt sich in einigen seiner Romane durchaus nachspüren, war aber wohl vor allem auch die traumatische Jugend, die von einem chronisch erfolglosen Vater, einer märchenhaft bösen Schwiegermutter und einem als repressiv erlebten Schulsystem durchdrungen war. Passagen, sowohl in Caspar Hauser als auch in Etzel Andergast, geben Kunde von innerer Orientierungslosigkeit des Kindes und dem Wunsch nach positivem Halt. Auch in der Autobiographie Mein Weg als Deutscher und Jude lässt Wassermann unmissverständlich durchblicken, wie sehr er unter der „Luft der Armut und Lieblosigkeit im väterlichen Haus“ gelitten haben muss.

Doch auch ein so unglücklich begonnenes Leben führt bisweilen an erwünschte (Zwischen-)Ziele, so wird Jakob Wassermann 1894 in München Sekretär des damals bekannten Schriftstellers Ernst von Wolzogen, einem späterem Redakteur beim berühmten Satireblatt Simplicissimus. Die Bekanntschaft mit Wolzogen führt ihn in literarische Kreise ein und verschafft ihm Kontakte, unter denen auch der Verleger Albert Langen ist, der Wassermann schließlich die Möglichkeit zur Publikation seiner ersten Prosaarbeiten gibt. Sein Erstling, der Liebesroman Melusine erscheint 1896, und bereits mit dem zweiten Buch, Die Juden von Zirndorf hat der verhinderte Spielwarenfabrikant einen beachtlichen Erfolg, der 1900 mit Die Geschichte der jungen Renate Fuchs eine unter dem Eindruck von Jens-Peter Jacobsens Frau Marie Grubbe stehende Fortsetzung findet. Hier klingt bereits eines der zentralen Themen des deutschen Juden Wassermann an, das Hans Lamm in einem Aufsatz zum 100. Geburtstag des Autors in aller Schärfe formulierte:

„Wenn wir behaupten, daß kein Schriftsteller jüdischer Herkunft im deutschen Sprachraum […] so sehr unter der Zugehörigkeit zur jüdischen und der deutschen Gemeinschaft gelitten hat, wie […] Jakob Wassermann, dann ist der Beweis dafür leicht anzutreten und man kann uns schwerlich der unzulässigen Übertreibung zeihen.“

Allein der programmatische Titel seiner Autobiographie „Mein Weg als Deutscher und Jude“ mag Zeugnis genug davon ablegen, welcher Stellenwert dieser Suche nach der eigenen Identität zukommt. Wassermann selbst gilt in der neueren Forschung eher als jemand, der dem Assimilationsgedanken anhing, also eine optimale Verschmelzung seines Deutsch-Seins und seines Jude-Seins anstrebte. Umso mehr muss ihm der stärker werdende Antisemitismus zu Beginn des Jahrhunderts geschmerzt haben. Im Roman Der Fall Maurizius heißt es dazu:

„Dieser Haß hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne des Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lüge und Gewissenlosigkeit wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie des religiösen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, Angst, verführt, verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit der Selbsteinschätzung.“

Gleichwohl die deutsch-jüdische Identitätssuche das bestimmende Thema des Wassermann’schen Werkes ist, lohnt dessen Lektüre auch noch aus anderen Gründen. Hat man sich erst einmal mit der Weitschweifigkeit des Stils, seinem Freund Thomas Mann hierin nicht unähnlich, angefreundet, lässt sich aus fast allen Romanen, von denen beispielsweise noch Etzel Andergast oder auch Joseph Kerkhovens dritte Existenz erwähnt werden müssen, eine Menge Zeitkolorit herauslesen. Manche Passagen haben fast dokumentarischen Charakter und vermögen, ein genaues Bild des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts zu zeichnen.

Wie so viele seiner berühmten Zeitgenossen wird Wassermann um 1900 zum Autor des S.Fischer-Verlags, seine Bücher haben durchaus Erfolg und er mausert sich zu einem der beliebtesten Schriftsteller seiner Zeit. Gleichwohl belasten ihn im Privatleben die sich unendlich hinziehende Scheidung von seiner ersten Frau, die bei der Trennung von Wassermanns finanziellem Erfolg zu partizipieren suchte. Immerhin findet er in Marta Stoss neues Glück im Privaten, sie wird seine zweite Frau und später seine erste Biographin.

Der Beginn der Nazizeit jedoch verpasst Jakob Wassermann den Todesstoß. Seine Bücher auf dem Index, als Jude verfemt, stirbt Wassermann bereits 1934 zurückgezogen in Alt-Aussee, wo er vor allem auch freundschaftlichen Umgang mit Hugo von Hofmannsthal pflegte. Sein Werk wird durch den Bruch der braunen Jahre weitestgehend dem Vergessen anheim fallen und steht heute im Schatten berühmter Zeitgenossen. Indes: die Lektüre lohnt…

30. October 2007

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5 Kommentare

  1. Connie Müller-Gödecke schrieb am October 30, 2007:

    Das Gold von Caxamalca?

    So haben wir doch JW im Unterricht kennengelernt (Anfang der 60er Jahre)

  2. Iris Poth schrieb am November 5, 2007:

    In der Liste eines meiner Lieblingsschriftsteller vermisse ich “Etzel Andergast”.Gruß
    Iris Poth

  3. olimdevona schrieb am November 5, 2007:

    Ich kann nicht nachvollziehen, dass Jakob Wassermann dem Vergessen anheim gefallen ist, vielleicht in beiden Deutschlands auf verschiedene Weise, im Osten ist er viel aufgelegt worden und ich bin schon in frühester Kindheit mit dem Kaspar Hauser, der Mauritiusmarke oder dem Alexanderroman (Alexander in Babylon, nicht auf der Liste) groß geworden. Er ist in meiner Jugend mindestens genausowichtig wie Hermann Hesse gewesen…

  4. Lucen schrieb am November 6, 2007:

    In meinem Bücherregal steht “Der unbekannte Gast”, ein Buch, das mich vor einiger Zeit sehr beeindruckt hat.

  5. Wolfgang Jergas schrieb am January 3, 2008:

    Manchmal sind es eher randständige Erlebnisse, die einen in Kontakt mit der Vergangenheit bringen. Ich habe vor etwa 15 bis 20 Jahren versucht, Wassermannsche Romane antiquarisch zu erwerben, lange, bevor sie bei dtv wieder zugänglich wurden, und wunderte mich immer, wieso so wenig davon zu bekommen waren.Immerhin in einer Großstadt (Stuttgart) Auf den Gedanken, daß das Dritte Reich Schuld dran war, kam ich erst nach mehrmaligem Wundern. Aber so kanns gehen.


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