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Hermann Bahr: Rastloser Prophet – Vergessener Literat

von tergast

„Niemals und immer derselbe“. Dieser Versuch einer Selbstbeschreibung kann als programmatisch für Hermann Bahr gelten. 1863 ist er in Linz als Sohn des Rechtsanwalts, Notars und Landtagsabgeordneten Dr. Alois Bahr und seiner Frau Wilhelmine (Minna), geborene Weidlich, zur Welt gekommen, um diese fortan mit immer neuen Erkenntnissen zur Literatur und Kunst zu bereichern.

„Niemals und immer derselbe“, das bedeutet für Bahr, der in Wien Klassische Philologie, Philosophie, Rechtswissenschaften und Nationalökonomie studierte, nichts anderes als seine Betrachtungen und Theorien vor allem zur Literatur der Moderne ständig in neue Richtungen zu lenken und das Alte zu verwerfen, sobald es den Ruch des Etablierten anzunehmen schien. In dieser Unberechenbarkeit jedoch war er höchst berechenbar, denn genau das war sein Lebensmotto: Vordenker der Moderne sein, antizipieren, was kommt und wichtig wird, und sobald es soweit ist, das Ganze verwerfen und den nächsten Schritt wagen.

Bahr galt seinen Zeitgenossen als extrovertierter Mensch, dem nichts furchtbarer schien, als für langweilig gehalten zu werden. Daher sein stetes Bestreben nach Provokation und Aufregung, der stete Versuch, das Leben in seiner ganzen Intensität auszukosten. Darum heißt es auch in seinem „Selbstbildnis“: Ich habe fast jede geistige Mode dieser Zeit mitgemacht, aber vorher, nämlich als sie noch nicht Mode war. Wenn sie dann Mode wurde, nicht mehr. […] ich konnte mit Goethe sagen: Wenn die Leute glauben, ich wäre noch in Weimar, dann bin ich schon in Erfurt!“

Denn Bahr, der literarisch dem Naturalismus entspringt und nachdem er diesen für sich beerdigt und hinter sich gelassen hat, zum Vordenker von Dekadenz und L’art pour l’art avanciert, ist in seinem tiefsten Herzen Impressionist. Zwar wandte er sich in Schriften wie dem 1916 im Delphin-Verlag erschienenen Band „Expressionismus“ auch dieser wichtigen Strömung der Moderne zu, jedoch blieb diese Zuwendung ohne tiefere Einwirkung auf das theoretische Schaffen des Mannes mit dem charakteristischen Bart.

Theorie war vor allem seine Sache, das literarische Werk indes groß und auffällig bemüht, doch in der rein literarhistorischen Bedeutung sicher nicht mit den Größen unter seinen Zeitgenossen vergleichbar. Gleichwohl lohnt sich die parallele Lektüre der wichtigen Schriften wie „Zur Kritik der Moderne“ (1890), „Die Überwindung des Naturalismus“ (1891), Studien zur Kritik der Moderne (1894) oder Bildung (1900) und der literarischen Versuche Bahrs, unter denen etwa Die gute Schule (1890) oder Die Mutter (1891) von besonderem Interesse sind.

Die gute Schule etwa ergänzt in ihrer den Zeitkolorit wiedergebenden Handlung die theoretischen Einlassungen Bahrs, zugleich ist der Roman, der im Untertitel bezeichnenderweise „Seelenstände“ heißt, ein Beispiel dafür, wie mit Literatur Breitenwirkung erzielt werden kann. Die Außenseiterproblematik gehört als Thema genauso dazu wie eine ordentliche Küchenpsychologie, die sich bei Freud so gut bedient wie bei Nietzsche. Darüber hinaus geht es um Sex, um viel Sex, und das vor allem in der extravaganten Spielart des Sadomasochismus.

Solcherlei Schrifttum war genauso dazu angetan, jene kleinen Skandäle und Aufmerksamkeiten hervorzurufen wie Bahrs unablässiges Richten und Urteilen über die Progressivität der Kollegen. Das gehörte zu seinem Leben als öffentliche Person einfach dazu.

Übersehen wird im Urteil über Bahr indes bis heute gerne, dass er mit seinem vielen Schriften nicht nur bis dahin unbekannte Künstler ans Licht der Öffentlichkeit hob, unter denen Hugo von Hofmannsthal nur der Bekannteste ist. Übersehen wird auch, worum es Bahr immer auch ging: Österreich künstlerisch und politisch auf eine Stufe mit den westeuropäischen Nachbarn zu stellen, dabei gleichzeitig der österreichischen Literatur eine unverwechselbare eigene Identität zu verschaffen.

Hermann Bahr war vor allem eines: Vermittler und damit Überwinder. Indem er Kenntnisse über französische, englische und andere Kunst und Literatur in Österreich vermittelte, überwand er gleichzeitig den für das Alpenland typischen Provinzialismus. Unter diesem Aspekt lässt sich etwa auch sein nie vollendeter Österreich-Zyklus lesen. Entstehen sollte ein zwölfbändiges literarisches Werk, das Österreich von innen beschreiben sollte, seine verborgenen Dimensionen zu erschließen suchte. Nur sieben Bände sind zwischen 1908 (Die Rahl) und 1929 (Österreich in Ewigkeit) entstanden, mehr war dem „Mann von übermorgen“, wie Maximilian Harden ihn taufte, nicht mehr vergönnt.

Am 15. Januar 1934 verstarb Hermann Bahr, der sich als Diener seiner Überzeugungen verstand und ohne den es für uns Heutige sehr viel schwieriger wäre, die „Seelenstände“ seiner Zeit zu erfassen und zu verstehen.

 

10. September 2007

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