ZVABlog

Direkt zum Inhalt springen

Ralf Isau: Museum der Erinnerungen

von bardola

Die Götterskulpturen im Pergamonmuseum in Berlin geben in Ralf Isaus vor zehn Jahren erschienen Roman Das Museum der gestohlenen Erinnerungen Rätsel auf: “… und so könnte ich dir noch viele Beispiele nennen. Ob es dabei um die Archäomagnetik oder irgendeine andere Methode geht. Die Wissenschaft ist niemals objektiv und schon gar nicht fehlbar gewesen – das widerspräche sogar ihrer wahren Natur. Leider haben viele Menschen sie zu einem Glaubensbekenntnis gemacht, um eigenes, sehr subjektives Handeln zu rechtfertigen. So verhält es sich auch mit Marduks Schicksalstafeln … “, heißt es gegen Ende dieses fesselnden Abenteuers, das nicht Fantasy nach angloamerikanischem Muster ist, sondern ein Versuch des Autors, mit Geschichten und Geschichte das Denken der Leser zu schärfen, flexibler zu gestalten und zudem über viele faszinierende historische Ereignisse oder philosophische Betrachtungen zu informieren.

Was geschieht, wenn eine Gesellschaft sich mit der eigenen Vergangenheit nicht auseinandersetzt? Allein die Verweise in diesem Roman auf den Nationalsozialismus oder auf die DDR machen deutlich, dass Ralf Isau mehr im Sinn hat als Fluchtliteratur – ja, fast deren Gegenteil. Der Software-Experte Isau geht das Thema Erinnerungsverlust als Schriftsteller und als Wissenschaftler gleichzeitig an. Isaus Sprache ist gepflegt, aber ohne literarischen Anspruch, (den er aber andernorts, beispielsweise in Pala und die seltsame Verflüchtigung der Worte gerne und zurecht erhebt). Dafür demonstriert er hier vorzüglich die Kunst, weite Spannungsbögen zu ziehen, dank derer die moderne digitale Welt mit einer großen narrativen Tradition verbunden wird: Fließend findet bei Isau der Übergang von einer realen, historisch verbürgten Welt in eine Phantasie- oder Traumwelt statt. „In der Arbeit mit Computern braucht man Phantasie für kreative Lösungen“, sagt Isau. Den Kontakt zum uns umgebenden Alltag möchte er in seinen Romanen nicht aufgeben. Deshalb distanziert er sich von eskapistischem Erzählverhalten, insofern es die Leser nicht einlädt, gewohnte Denkmuster aufzugeben um neue Perspektiven einzunehmen. Isau bewegt sich auf mehreren Ebenen: Spannung, Philosophie und Geschichte bilden die Grundstruktur zu den „gestohlenen Erinnerungen“, die man mehrfach lesen kann, weil wie bei einem PC-Game eine Ebene nach der anderen entdeckt wird, wodurch man den beiden Protagonisten folgend, jeweils auf ein anderes Level gelangt.

Die Zwillinge Jessica und Oliver wurden nach der Rückkehr aus den Ferien von einem seltsamen Spuk erfasst: Gedächtnisverlust gepaart mit unfassbaren Ereignissen. Jessica ist an Mathematik, Naturwissenschaften und Computern interessiert, ihr Bruder Oliver liebt die darstellende Kunst. Die Frage, warum sie ihren Vater vergessen haben und das Verschwinden der Statue des babylonischen Gottes Xexano lassen den beiden keine Ruhe. Gemeinsam machen sie sich mit ihren Talenten an die Aufgabe, die Rätsel der gestohlenen Erinnerungen zu lösen. Die Spannung steigt etappenweise, bis die wahre Identität des Vaters (v.a. auch dank eines Tagebuches – „Ein Buch aus einer anderen Welt“) wiederentdeckt, die Gründe für den Gedächtnisverlust der Kinder deutlich werden und in einem Wettlauf gegen die Zeit das Erinnerungsvermögen der Menschen gerettet wird.
Man braucht nicht weit weg zu schweifen, um in wundervolle Phantasiewelten einzutauchen. Isau zeigt deutsche Fantasy in Bestform, allerdings zieht er den Begriff Phantastik vor. Das Etikett Fantasy klebe auf fast allen Texten von Mystik bis zu neu erzählten Götter- und Heldensagen, passe aber zu keinem seiner Bücher. Erst recht nicht zu Pala und die seltsame Verflüchtigung der Worte. Das Motto des Buches “Erst ganz zum Schluss ist, wer Geduld hat, schlauer” gehört zu einem fesselnden Sonett, das Segen und Fluch in einem ist, entwickelt sich zu einem Sonettkranz und ist der Auslöser für den Ich-Erzähler, den Leser an seiner Geschichte teilhaben zu lassen. Denn er will das Geheimnis dieser Verse ergründen. Das geschieht auf den nachfolgenden über 400 Seiten.
Die Menschen von Silencia werden so beschrieben: Sie redeten gern, fast ohne Unterlass und meistens ziemlich schnell. Es erscheint durchaus angemessen, sie als Plaudertaschen zu bezeichnen. Und das ausgerechnet in Silencia, wo es nicht nur Handwerker, sondern vor allem auch viele Mundwerker gibt. Kein Wunder, möchte man meinen, dass sich – nomen est omen – in Silencia die Stille ausbreitet, zumal der Besitzer des ominösen Schlossberges Zitto (still) heißt, ein steinreicher, in Silencia geborener Mann, der früh sein Dorf verlassen hat, um in der Fremde ein Vermögen zu verdienen. Seitdem er nach Silencia zurückgekehrt ist, breitet sich die seltsame Krankheit, die Verflüchtigung der Worte aus. Die früher redseligen Bewohner werden schlichtweg stumm. Die Ärzte sind ratlos. Sie kennen keine Mittel gegen den Sprachschwund. Hohle Worte sind leerer als beredtes Schweigen, erfährt Pala, die beim Versuch, Silencia vor dem Verstummen zu retten, ein Abenteuer nach dem anderen erlebt, zum Beispiel Verfolgungsjagden gegen „wortrünstige Bestien“ namens „Wortklauber“. Schön: Ein Fantasy-Roman, in dem es vor allem um Sprache geht; schön auch, wie sich der Wortkreis um die Kapitelüberschriften langsam füllt. In Silencia wird nicht Zeit gestohlen, sondern Worte. „Wortfresser“ hier, graue Herren dort. Momo heißt hier Pala. (Und natürlich befinden wir uns in Italien, wo es die geborenen Geschichtenerzähler gibt, wie beispielsweise Nonno Gaspare.) Isau hat mit Pala eine wundervolle Momo-Variante geschrieben.

Ralf Isau wurde 1956 in Berlin geboren und schrieb schon 1974 sein erstes Software-Programm. Als Jugendlicher las er Superman, Karl May, Perry Rhodan, Michael Ende und Tolkien, als junger Erwachsener David Eddings, Richard Adams, Ursula K. LeGuin oder William Horwood. Isau arbeitete als Software-Spezialist, veröffentlichte sein erstes Buch über die Programmiersprache COBOL und begann nebenher eigene Romane zu schreiben, eigene Welten zu entwerfen, in denen er Geschichte und grundlegende Wertefragen einfließen lässt. „Das Museum der gestohlenen Erinnerungen“ wurde mit dem Buxtehuder Bullen ausgezeichnet.

3. September 2007

Stichwörter:

, , , ,

2 Kommentare

  1. Bärbel schrieb am November 6, 2008:

    Die Träume des Jonathan Jabbok,der erste Kontakt mit Ralf Isau und ab da immer wieder.
    Der silberne Sinn,Das Echo der Flüsterer,Der Herr der Unruh und , und , und.
    Jedes seiner Bücher ist einzigartig und es ist zu wünschen das noch viele Leser das genauso sehen.

  2. amadeus sachs schrieb am September 21, 2010:

    Das buch hat mich wahrhaftig in einen Bann gezogen !
    Seit dem ich das Buch gelesen habe bin ich in einen dicht und denk Prozess gelang, welcher stetig anhält.


RSS-Feed für Kommentare dieses Beitrags.

Leave a comment

Erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>