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Karl Gutzkow: bewegt, zensiert und streitbar. Ein literarisches Leben im 19. Jahrhundert

von tergast

In ärmlichen Verhältnissen, als Sohn eines Stallmeisters des Prinzen Friedrich Wilhelm Karl, wurde am 17. März 1811 in Berlin ein Mann geboren, der knapp 25 Jahre später eines der berüchtigsten Werke der Literatur des 19. Jahrhunderts schaffen sollte. So berüchtigt, dass es ihm sogar eine einmonatige Gefängnisstrafe einbrachte.
Der Roman, von der zeitgenössischen Kritik als „unsittlich und gotteslästerlich“ gebrandmarkt, hieß Wally, die Zweiflerin, sein Autor war Karl Gutzkow, der neben seiner Wally eine große Menge weiterer literarischer Werke schuf und für die jungdeutsche Literatur von nicht unerheblicher Bedeutung war.
Gutzkow etwa war es, der dafür sorgte, dass Georg Büchners Dantons Tod in der von Eduard Duller herausgegebenen Zeitschrift Phönix. Frühlings-Zeitung für Deutschland erscheinen konnte, für die Gutzkow das so genannte Literaturblatt erstellte. Büchner war zu jener Zeit durch einen intensiven Briefwechsel mit Gutzkow verbunden und empfand ihn als einen seiner ersten Förderer.
Seine Jugendjahre müssen nicht besonders aufregend gewesen sein, doch mit dem Besuch der Universität änderte sich für Gutzkow vieles. Lehrer wie Hegel, Schleiermacher, von der Hagen, Lachmann oder Ranke befeuerten die Gedankenwelt des jungen Studenten, so dass er, kaum zwanzig Jahre alt, Mitarbeiter der führenden Cotta-Blätter wurde, so etwa bis 1834 beim Literatur-Blatt für das berühmte Morgenblatt für gebildete Stände.
1835 dann der große Knall mit der Wally, die auf Grund der intensiven Behandlung sozialer, religiöser und erotischer Probleme verboten wurde und damit schließlich eine ganze Reihe solcher Verbote auslöste, an deren Ende schließlich sowohl Heinrich Heine als auch die Autoren Wienbarg, Laube, Mundt auf dem Index landeten.

Karl Gutzkow

Nachdem ihm schließlich noch die „Verächtlichmachung der Religion” in der Wally besagte Gefängnisstrafe eingebracht hatte und er fortan, auf dem Index stehend, nur noch anonym publizieren konnte, kam er zumindest privat in ruhigere Fahrwasser und heiratete 1836 Amelie Klönne, mit der er drei Söhne zeugte.
Ob verboten oder nicht, Gutzkow war in der Folgezeit ein außerordentlich produktiver Autor, der allein in den vierziger Jahren an die zwanzig Dramen verfasste, die populärsten darunter etwa Zopf und Schwert, Das Urbild des Tartüffe, Uriel Acosta oder auch Der Königsleutnant. Zopf und Schwert stand nach Aufheben der Zensur gegen Gutzkows Werke über ein Jahrzehnt lang standardmäßig auf dem Spielplan der deutschen Theater.
Formal bemerkenswert ist zu jener Zeit vor allem auch der Reisebericht Briefe aus Paris, in dem das Interview als Textform eingesetzt wird, um Gespräche mit führenden Politikern der Zeit wie Guizot und Thiers bzw. mit Schriftstellern wie Gerard de Nerval oder George Sand wiederzugeben.
Unmittelbar nach Erscheinen der Reisewurde 1843 die Zensur gegen Gutzkows Werke aufgehoben, bessere Zeiten schienen sich anzubahnen, auch auf der privaten Ebene, wo er ab 1846 als Dramaturg in Dresden arbeiten konnte.
Im Jahrzehnt nach der gescheiterten deutschen Revolution von 1848 fand seine liberale Tendenz, die auf eine alle Sozialschichten umfassende Demokratie abzielte, in den Romanen Die Ritter vom Geiste sowie Der Zauberer von Rom ihren adäquaten Ausdruck.
Ein Verriss von Die Ritter vom Geiste, den der Autor Julian Schmidt publizierte war Anfang der 50er Jahre Ausdruck einer scharfen Fehde zwischen Gutzkow und den Vertretern des Programmatischen Realismus, allen voran Gustav Freytag. Gutzkow revanchierte sich für Anwürfe gegen seine Person mit einer Kritik über Freytags berühmten Roman Soll und Haben, in dem er die Unterschiede in der Programmatik zwischen ihm und den Realisten deutlich herausarbeitete.
In der Folge geriet Gutzkow mehr und mehr in Vergessenheit, was nicht zuletzt an massiven psychischen Problemen lag, die gar in einem erfolglosen Selbstmordversuch 1865 und dem anschließenden Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik nahe Bayreuth gipfelten.

Literarisch herausragend aus dieser schweren Zeit ist trotz allem der Roman Die neuen Serapionsbrüder, geschrieben 1875-77 in Heidelberg. Das Berliner Großstadtleben der Gründerzeit nimmt hier in den Arbeitern der Fabriken wie den Aktienbewegungen der Börse Gestalt an.
Gutzkow, der am 16. Dezember 1878 durch einen von ihm selbst ausgelösten Zimmerbrand ums Leben kam, kann als charakteristisch für die literarischen Umbrüche während der wilden Zeit des Jungen Deutschland und der anschließenden relativen Ruhe des Realismus gelten. Seit dem Jahr 2001 versucht der Münsteraner Oktober Verlag mit einer lobenswerten Edition, Gutzkow dem Vergessen zu entreißen. Verdient hätte dieser es allemal, auch, aber nicht nur, wegen Wally, der Zweiflerin.

17. August 2007

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3 Kommentare

  1. Stephan Landshuter schrieb am August 23, 2007:

    Schön, einen Artikel zu lesen, der den immer noch heillos unterschätzten Karl Gutzkow aufwertet! Ebenso schön, dass jemand die Neuedition lobend erwähnt, die von einem internationalen Projekt herausgegeben wird. Anfang September erscheint im Oktober Verlag übrigens auch “Der Zauberer von Rom” – ungekürzt ediert nach der 1. Aufl.: insges. fast 3000 Seiten! Wer sich für Gutzkow interessiert, kommt um dieses opus maximum wohl nicht herum.
    P.S.: Kleine Anmerkung noch zum Artikel: Niemand gerät allerdings in Vergessenheit aufgrund psychischer Krisen – da müssten Hölderlin und Nietzsche ja völlig vergessen sein -, sondern weil die Nachwelt ein gewisses Urteil fällt, das danach niemand mehr überprüft.

  2. Stadtwiki - Blog Dresden » Blog Archiv » Neuer Artikel: Karl Gutzkow schrieb am November 11, 2007:

    […] einen Beitrag aus dem ZVABLOG bin ich auf ein Thema gestoßen, welches ich gleich in einen Artikel im Stadtwiki Dresden umwandeln […]

  3. Matthias Erfurth schrieb am November 11, 2007:

    Es hat zwar ein bisschen gedauert, doch zu Karl Gutzkow gibt es nunmehr auch einen Artikel im Stadtwiki Dresden. Dank’ dem Autor für die literarische Aufbereitung des Themas …


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