ZVABlog

Direkt zum Inhalt springen

Joachim Ringelnatz – Frech und herzbetrunken

von bardola

Mit Joachim Ringelnatz kann man nicht früh genug beginnen. Schon für Kinder ab fünf Jahren bieten seine Gedichte viel Stoff zum Nachdenken und Lachen. Manchmal sind die Texte so erfrischend für den Nachwuchs, aber so grausam zum Alter, dass die beste Lösung für peinlich berührte Erzieher und noch nicht alphabetisierte Kinder eine Hör-CD ist.

 

Lieber Gott mit Christussohn,
Ach schenk mir doch ein Grammofon.
Ich bin ein ungezog’nes Kind,
Weil meine Eltern Säufer sind.
Verzeih mir, dass ich gähne.
Beschütze mich in aller Not,
Mach meine Eltern noch nicht tot
Und schenk der Oma Zähne.

 

Ritze, rotze … Wer nicht zuhört, der ist fies! Ein Kinderstimmenchor ertönt im Dialog mit der rauchigen Stimme Otto Sanders auf der CD Ringelnatz. Ausgesprochene Frechheiten. „Denkt nach“, erwidert Sanders, „dann könnt ihr zwischen Zeilen auch mit geschlossnen Augen lesen, dass Onkel Ringelnatz bisweilen ein herzbetrunkenes Kind gewesen.“ Besoffen oder warm um’s Herz? Die frechen Gören machen sich über die Ausdrucksweise des alten Mannes lustig und interpretieren die Sprüche verschieden:„So’n Kitsch“ – „Lass ihn doch!“ – „Jetzt noch mal in echt!“ Dann geht’s los. Eine abwechslungsreiche Collage, eine Hörbuch-Pionierarbeit rund um die schönsten Kindertexte des schrulligen Dichters mit See- und Tiefgang. Viele Nonsensverse von „Dadalnatz“ – Meerschweinchen, die das Meer suchen … – wechseln ab mit seltsamen Ratschlägen: „Kinder ihr müsst euch mehr zutrauen! / Ihr lasst euch von Erwachsenen belügen / Und schlagen. – Denkt mal: fünf Kinder genügen, / Um eine Großmama zu verhauen.“ Mal hallt ein Pfeifen durch ein Ameisengedicht, mal gliedern und untermalen Klavier, Mundharmonika oder eine Spieluhrmusik die Lesungen, diese Glanzdarbietungen superskurrilen Witzes: „ … Publikum – noch Stundenlang – / wartete auf Bumerang.“ Sander spricht, summt, rapt (sic!), singt (den „Hochseekuh-Song“) und phrasiert manchmal verblüffend komisch. Sander, der Ringelnatz-Raper, überlässt manchmal aber auch das Mikro ganz der Jugend.

Diese liest vor, was der Polizeipräsident 1924 an den Kiepenheuer Verlag schrieb: „Das in Ihrem Verlag erschienene Buch “Joachim Ringelnatz, Geheimes Kinder-Spiel-Buch mit vielen Bildern “bildet eine ernste Gefahr für die sittliche Entwicklung der Kinder …“ Das Buch sei verderblich und werde so polizeilicherseits nicht geduldet, weshalb ein Vermerk auf dem Umschlag gefordert wird – mit Fristsetzung –, der darauf hinweisen muss (70 Jahre vor Eminem), dass das Buch nur für Erwachsene geeignet sei. Vielleicht lag es an Rotkäppchens Korb – bei Ringelnatz voller Alkohol. Was Kuttel Daddeldu aus dem braven Grimm-Mädchen macht („die Dirne“, „das pissdumme Mädel“) ist provozierend getextet und grandios intoniert. Wer knurrt den bösen Wolf besser als Sander? „Diabolokaracho – da glotzt ihr Gören! Marsch fort! Ihr überflüssige Fischbrut“, schnauzt Kuttel Daddeldu die Kinder an. Aber dann – ein Dankeschön der Regie für diesen Kontrast – heißt es am Ende „ … Wir alle sind Spielzeuge des lieben Gottes …“, was so plötzlich, so ernst und wahrhaftig sofort unter die Haut geht. Wer nicht genug davon bekommt, findet in Büchern noch mehr von dem rastlosen, von Selbstzweifeln geplagten, wehmütigen oder von dem heiteren und gut gelaunten Ringelnatz:

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.
Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich „Euer Gnaden“.
Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Leider gehören Ringelnatz-Hörbücher zu den echten Raritäten. Zum Glück gibt es genügend gedruckte Ringelnatz-Bücher für Kinder, u.a. Das geheime Kinderspielbuch, Das Kinder-Verwirrbuch, Überall ist Wunderland, Kuttel Daddeldu u.v.a.
Joachim Ringelnatz, geboren 1883 in Wurzen/Sachsen als Hans Bötticher, Sohn aus gutem Hause, wurde 1897 mit dem Vermerk „ein Schulrüpel ersten Ranges“ vom königlichen Staatsgymnasium Leipzig verwiesen. Bötticher wurde Schiffsjunge, Matrose, Hausmeister, Bibliothekar, Fremdenführer auf einer Burg u.v.m. Mit 25 Jahren trug er im Künstlerlokal „Simplicissimus“ in München-Schwabing eigene Verse vor. Bötticher schwieg über die Herkunft seines Pseudonyms. Eine von vielen Legenden besagt, er habe den Namen gewählt, weil Seeleute sein Lieblingstier, das Seepferdchen, „Ringelnaß“ nannten. Bei der Bücherverbrennung 1933 endeten auch seine Bücher auf dem Scheiterhaufen der Nationalsozialisten. Ringelnatz starb verarmt im November 1934 in Berlin an Tuberkulose.

7. August 2007

Stichwörter:

, , , ,

1 Kommentar

  1. Jaromir Konecny schrieb am September 10, 2007:

    Liebe Nicola,
    habe nach dem Text richtig Lust bekommen, meine alten Ringelnatzbücher herauszukramen und unseren Kindern ein paar hübsche Gedichte vorzulesen. Hoffe nur, es ist nicht mehr polizeilich verboten. Vielen Dank!
    Jaromir Konecny


RSS-Feed für Kommentare dieses Beitrags.

Leave a comment

Erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>