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Richard Huelsenbeck als Figur der literarischen Moderne – En avant DADA

von tergast
Richard Huelsenbeck
  Richard Huelsenbeck

„Dada war in Zürich geboren, und einer seiner Abgesandten, Huelsenbeck, brachte die Botschaft nach Berlin, wo der Kreis der Freien Straße um Franz Jung schon vorbereitet war, alle Konsequenzen einer Empörungs-Aktion zu ziehen. Jung und ich verstanden sofort die Wichtigkeit dieses Zerstörungsmittels der sogenannten ‚künstlerischen Kultur’ und beschlossen, den Club DADA als Standarte des Internationalismus zu gründen, mit Huelsenbeck an der Spitze.“

Es ist Raoul Hausmann, der mit dieser Bemerkung in dem DADA beschreibenden Text „Dada empört sich, regt sich und stirbt in Berlin“ auf die Bedeutung Richard Huelsenbecks verweist. Jener Huelsenbeck war frühes Mitglied der legendären Club Voltaire in Zürich gewesen, dem Geburtsort des Dadaismus. Dort hatte er schon kurz nach der Gründung des Clubs durch Hugo Ball und Emmy Hennings an den Soiréen teilgenommen, mit dem das Kunst-Publikum der Zeit geschockt werden sollte.

Vor dem Hintergrund des sich auf dem Höhepunkt befindlichen Wahnsinns des ersten Weltkrieges waren in Zürich Künstler zusammengekommen, die alles negierten, was bis dahin als Kunst galt. Im Cabaret Voltaire wurde gebrüllt, mit Kuhglocken hantiert, auf den Tisch geschlagen und gestöhnt, dass es eine einzige bruitistische Pracht gewesen sein muss. Das Krachmachen in der Kunst war zwar keine Erfindung der Dadaisten, sondern bereits von den Futuristen unter dem Begriff des Bruitismus eingeführt worden, doch führten Hugo Ball, Richard Huelsenbeck und seine Mitstreiter wie etwa Tristan Tzara diese und andere Kunstformen in aller Konsequenz weiter.

Huelsenbeck, geboren im April 1892 im hessischen Frankenau, war mit Hugo Ball befreundet und dadurch in die Kreise der Züricher Gruppe gelangt. Er stieg schnell zu einer tragenden Säule des Club Voltaire auf und experimentierte nach Berichten von Zeitgenossen ganz besonders gerne mit Klängen und Rhythmen auf der Bühne. Dies konnte dann etwa so aussehen:

Sokobauno, sokobauno, sokobauno
Schikaneder, Schikaneder, Schikaneder
Dick werden die Ascheneimer sokobauno, sokobauno
Die Toten steigen daraus Kränze von Fackeln um den Kopf
Sehet die Pferde wie sie gebückt sind über die Regentonnen
Sehet die Parafinflüsse fallen aus den Hörnern des Mondes
Sehet den See Orizunde wie er die Zeitung liest und das Beefsteak verspeist
Sehet den Knochenfraß sokobauno sokobauno
Sehet den Mutterkuchen wie er schreiet in den Schmetterlingsnetzen der Gymnasiasten
Sokobauno sokobauno

usw…

Ähnlich „sinnvolle“ Texte finden sich häufig bei Huelsenbecks Auftritten, die er nach dem Ende des Club Voltaire und der Gründung der Galerie Dada in Zürich auch in die Berliner Dada-Zeit einbrachte, die er neben Hausmann wesentlich bestimmen sollte.
Huelsenbeck war derjenige, der die diversen Darstellungsformen, die wir heute unter dem Etikett „dadaistisch“ zusammenfassen, bereits bei der ersten Propagierung Dadas am 22. Januar 1918 im Graphischen Kabinett I.B. Neumann in Berlin dem Publikum präsentierte. So etwa das „poème simultane“, das „concert des voyelles“ oder das „poème statique“. Besonders beeindruckend muss die Art des Vortrags gewesen sein, die Huelsenbeck perfektioniert hatte: Er trug seine Verse vor, „als seien es Schmähungen“, schwang dazu einen „Stock aus Rosenholz“, eine Reitgerte, „die er zur Unterstreichung seiner frischgedichteten “Phantastische Gebete” rhythmisch durch die Luft und metaphorisch auf die Hintern des Publikums sausen ließ“, schreibt Hans Richter in Dada – Kunst und Antikunst.

Die Phantastischen Gebete lassen sich programmatisch für Huelsenbecks Einfluss auf Dada Berlin lesen. Sie parodierten genauso die gerade erst modernen Formen des Expressionismus wie auch Bibelstellen oder Elemente der Liturgie. Ziel der Parodien war zumeist die Kritik am wilhelminischen Zeitgeist.

Huelsenbeck war auch ein Meister der Trommel, er trommelte bei den Dada-Abenden, was das Zeug hielt, parodierte damit u.a. auch das militärische Zeremoniell, für das die Trommel eine wichtige Rolle spielt.

Dada Almanach

Für Dada Berlin war Richard Huelsenbeck, der sich bereits vor Ausrichtung der „Ersten Internationalen Dada-Messe“ zurückzog, ihr Impressario, Propagator und zugleich auch Chronist der ganzen Bewegung. Letzteres lässt sich gut an den Werken seines Dada-Abschiedsjahres 1920 erkennen, von denen gleich drei sich mit Inhalt und Wirkung von Dada auseinandersetzen: En avant Dada, Dada siegt sowie der Dada Almanach .

Ein wichtiger Grund für den Abschied Huelsenbecks von den Berliner Dadaisten mag im Scheitern des „Dadaco“ gelegen haben, einem ambitionierten Almanach-Projekt, das er bereits seit 1919 gemeinsam mit Tristan Tzara plante und für das es mit dem Kurt Wolff-Verlag bereits einen unterschriebenen Vertrag gab, von dem der Verleger sich später wieder zurückzog.

Im Sommer 1920 hatte Richard Huelsenbeck mit Dada Berlin abgeschlossen und widmete sich als studierter Mediziner der ärztlichen Tätigkeit, etwa als Schiffsarzt und – nach seiner Emigration im Jahr 1936 – als Psychiater und Psychoanalytiker in NewYork, dort unter dem Namen Charles R. Hulbeck. Nach dem Zweiten Weltkrieg fachte Huelsenbeck das Interesse am Dadaismus durch verschiedene Publikationen wieder an und sorgte damit für eine verstärkte Rezeption bis heute.

Ein wenig vom revolutionären Geist Dadas täte heutigen künstlerischen Bestrebungen sicher sehr gut, insofern lohnt eine Wiederentdeckung der Schriften Huelsenbecks, der 1970 in der Schweiz starb, wohin er aus dem amerikanischen Exil bei seiner Rückkehr nach Europa gegangen war.

16. July 2007

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