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Robert Cormier – Reporter und Romancier

von bardola

  Robert Cormier

Sommer in Monument, einer Kleinstadt in Massachusetts. Die Unruhe unter der Bevölkerung ist groß, denn das siebenjährige Mädchen Alicia wurde ermordet aufgefunden. Das Verbrechen – so will es der Senator – soll schnellstmöglich aufgeklärt werden.
Dies ist die Ausgangslage des letzten Romans Das Verhör des im Alter von 75 Jahren im Jahr 2000 verstorbenen amerikanischen Autors Robert Cormier. Er gilt als Meister des realistischen Jugendromans. Über dreißig Jahre arbeitete er als Journalist und Reporter, wurde mehrfach ausgezeichnet und kam über diese Arbeit auch zu den Stoffen für seine Bücher.

Der Schokoladenkrieg machte ihn 1974 mit einem Schlag berühmt. Seine Romane und Erzählungen, inzwischen moderne Klassiker der Jugendliteratur, wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt, vielfach ausgezeichnet und zum Teil auch verfilmt.

Cormier, der 1925 in Leominster im Bundesstaat Massachusetts geboren wurde und dort über 40 Jahre lang im selben Haus bis zu seinem Tod arbeitete und lebte, findet mit seinen Texten Töne und Themen, die heutige Leser immer noch fesseln und begeistern. Die Liebesgeschichte eines jungen Mörders in Zärtlichkeit, Machtmissbrauch und die Folgen des Holocausts in Nur eine Kleinigkeit, Zweiter Weltkrieg und Rachegefühle in Heroes oder eine Geiselnahme Auf der Eisenbahnbrücke (übersetzt von Rudolf Herfurtner, einem der besten Dialogschreiber in der aktuellen deutschen Jugendtheaterszene). Cormiers gekonntes Spiel mit dem Erzähltempo und seine sichere und hochsensible Wortwahl zeichnen diese Romane aus. Einen Höhe- und zugleich den Schlusspunkt seines Werks bildet Das Verhör.
Der örtliche Detective verdächtigt nach einem ersten Gespräch den schüchternen und introvertierten Jason. Der zwölfjährige, ausgesprochen gerechtigkeitsliebende und sensible Junge hat sein Nachbarsmädchen Alicia als letzter lebend gesehen. Vom Mörder fehlt jede Spur.
Jason hatte die Wahrheit gesagt. Unter dem Blick des Detective Lieutenants, der seine Augen wie ein doppelläufiges Gewehr auf ihn richtete, hatte Jason seine Schnellfeuerfragen nach besten Kräften beantwortet.
Der Leser weiß nach nur wenigen Seiten, dass Jason unter Verdacht gerät, aber unschuldig ist und dass er dann trotzdem gestehen wird, Alicia umgebracht zu haben. Dadurch entsteht eine kaum überbietbare Spannung. Protagonist ist nicht der Detective, sondern ein ehrgeiziger Verhörspezialist namens Trent (Cormier nennt den Vornamen absichtlich nicht), der in seinem Metier so geschickt ist, dass er mehrfach auch schon unschuldigen Menschen Geständnisse abgetrotzt hat. Da der Lieutenant von Jasons Schuld überzeugt ist, soll nun Trent rasch den jugendlichen Täter überführen.
Seitdem in zwei von Trents Fällen die Geständnisse widerrufen wurden und Trents Lebensgefährtin Lottie bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, haben sich bei dem Sonderermittler kleine Zweifel an seinen psychologisch harten (Trent wird nie körperlich gewalttätig) Verhörmethoden eingeschlichen. Beim letzten gemeinsamen Abend hatten Trend und Lottie Streit. Du bist, was du tust, lautet ihr letzter, anklagender Satz. Doch Trent will auch nach Lotties Tod nicht ein Leben lang ein Kleinstadtbulle bleiben. Seine erfolgreichen Verhöre haben inzwischen eine gewisse Berühmtheit erlangt.
Trent betrachtete das vertrauensvolle Gesicht des Jungen, die weit aufgerissenen Augen, die ihm einen Unschuldsblick verliehen. War er wirklich unschuldig oder war das nur eine Maske? Trent war sich dessen bewusst, dass Menschen Masken tragen, und seine Aufgabe bestand darin, ihnen diese Masken wegzureißen. Wenn er sie nicht ganz entfernen konnte, dann doch so weit, dass ein Blick auf das Böse darunter möglich war. Steckte in diesem Jungen etwas Böses? War er einer bösen Tat fähig? Dazu sind wir alle fähig, dachte Trent.
Wie gelingt es Trent, dem sympathischen und unschuldigen Jungen ein Geständnis zu entlocken? Dieses Verhör – das Kernstück des Romans – macht deutlich, was Sprache im schlimmsten Fall anrichten kann. Gebannt verfolgt der Leser, wie Trent zur Verhör-Strategie wechselt, die unausweichlich zum Höhepunkt führen wird.
Auch Trent hatte eine Erkenntnis, als in den Augen des Jungen etwas – was? – aufblitzte. In einer Zeitspanne, die kürzer war als ein Wimpernschlag, hatte der Junge etwas Verborgenes, Verstohlenes preisgegeben, hatte es aus den Tiefen seines Kopfs an die Oberfläche hervorgeholt, um es kurz zu betrachten und dann wieder fallen zu lassen (…) Trent sah den Jungen an. So zerbrechlich zart in seiner Unschuld und Naivität. So verwundbar. Fügsam. Ohne Abwehrmechanismen, bereit, sich lenken und formen zu lassen .


  Das Verhör

Es ist ein Buch über Täuschung und über den Schaden, den der Wunsch nach Anerkennung anrichten kann. Cormier zeigt, wie leicht sich Wahrheit verdrehen lässt. Jede Geste des Befragten, jedes Wort, jede Änderung der Intonation sind für den Frager von Bedeutung. Was geht im Kopf des Beschuldigten vor sich? Wie kann man in sein Innerstes vordringen? Trent verunsichert Jason, hebt die Grenze innerhalb seiner kindlichen Emotionen zwischen Tatsachen und Möglichkeiten auf.
Cormier liefert ein wunderbares Beispiel für einen „twisted plot“. Wie in einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung besteht die Gefahr, dass Trents Opfer das falsche Geständnis im Nachhinein legitimiert. Denn Jason ist ein anderer geworden, der an die vermeintlichen Wahrheiten glauben möchte, die Trent aus ihm gepresst hat. Dieser Psychothriller erster Güte hätte auch in das Krimi-Kapitel gepasst. Doch der wirkliche Mörder und seine Motive spielen in diesem Buch fast gar keine Rolle. Und die Dialoge und Stimmungsschilderungen sind so überzeugend, dass die literarischen Aspekte überwiegen. Und – man staune – auch Poesie hat in diesem Buch ihren Platz:
Ein Haufen Unrat, der in Gossen quillt,
Ein alter Kessel, Flaschen, Scherben, Kram,
Gerümpel, Knochen und die Schlampe wild
Am Kassentisch. Meine Leiter, sie verkam,
Nun muss ich da, woraus die Leitern stiegen,
Im Lumpensammlerstank des Herzens liegen.

Das alte Gedicht von William Butler Yeats war für Trent im Lauf der Jahre zu einer Art Glaubensbekenntnis geworden.

 

25. April 2007

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