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Auf Schnäppchenjagd

von konecny

Als die Deutschen noch das Volk der Dichter und Denker waren, konntest du auf dem Flohmarkt echte Buchschnäppchen machen. Dank des guten Internetgeschäfts haben aber viele Dichter und Denker die Flohmärkte leer gekauft. Sie sind Händler mit alten Büchern geworden und haben so die höchste Stufe der intellektuellen Karriereleiter erreicht: Student, Dichter, Antiquar. Ich dagegen wurde als Vollzeitantiquar nur an alten Büchern reich. Mit fünfzig musste ich mir einen sichereren Hauptberuf suchen. Da gerade aus vielen Schriftsteller-Freunden ZVAB-Antiquare geworden waren, sah ich sofort die Marktlücke und hopp, hopp hinein. Mensch! Wenn du Schriftsteller bist, gehen deine Bücher weg wie warme Semmeln. Und lauter schöne Damen umlagern dich und wollen, dass du ihnen dein Buch signierst…

Klar gibt es Glückspilze, die auf dem Flohmarkt noch heutzutage seltene Bücher zu Spottpreisen ausgraben. Gerade vor kurzem habe ich auf dem Münchner Messegelände in Riem einen ganz begabten Schnäppchenopa miterleben dürfen. Als er einem balkanischen Flohmarkthändler ein Originalfoto abluchsen wollte. Die Ware auf dem Tapeziertisch stammte wohl aus einer Wohnungsräumung. Auf dem Bild eine halbnackte Athletin aus den dreißiger Jahren. Na, wenn das kein Vintage Print von Leni Riefenstahl war! Auf einer Auktion würde das Bild wohl ein paar Tausend Euro bringen. “Zehn Euro!” nannte der Flohmarkthändler seinen Preis. “Das ist ein Nacktfoto!”

Ohne mit der Wimper zu zucken, schloss sich der knallharte Opa dieser klaren Argumentation an. “Fünf Euro!” sagte er. “Die ist ja gar nicht ganz nackig, die hat die Unterhose an.” Ich wühlte mich durch den Tapeziertisch und spitzte die Ohren.

“Letzte Woche ich habe gehabt hier Hitler!” sagte der Händler. “Und der zwanzig Euro gezahlt!”

“Der Hitler?”

“Nein! Der Kunde für Foto von Hitler!” sagte der Flohmarkthändler. “Schauen Sie, das Foto hier im Buch!” Zu meinem und des Opas Erstaunen zog er aus einer Kiste unter dem Tisch Riefenstahls berühmten Fotoband “Schönheit im olympischen Kampf” heraus. Von dem großen Buch lachte uns ein druckfrischer Originalumschlag an. Boah! Weitere 400 Euro im Spiel, egal ob’s die erste oder die zweite Ausgabe war. Schon der frische Umschlag war das Geld wert. “Warten kurz!” Der Flohmarkthändler riss auf der Suche nach den zwei Hitlerportraits im Buch mit seinen wurstig-dreckigen Fingern die Seiten herum, bis mein Magen vor lauter Schreck an der Speiseröhre hüpfte wie ein Jo-Jo. Dem kaufwilligen Opa erging’s ähnlich.

Zum Glück hauchte doch keine Seite ihr Leben aus. Der Opa erwarb Riefenstahls Originalfoto mit der halbnackigen Athletin und ihr Prachtbuch mit dem frischen Originalumschlag für zwanzig Euro zusammen. Erleichtert latschte ich weiter. Wieder mal wurde ein Kulturgut vor dem Dahinsiechen in einer Flohmarktkiste oder vor dem plötzlichen Regentod gerettet! Trotzdem war ich ganz froh, jetzt Schriftsteller zu sein und mich nicht mehr mit Kulturgütern herumschlagen zu müssen, in denen beschissene Hitlerfotos rumlungern. Was soll’s! Auf mich warteten heute ganz andere Schnäppchen! Vielleicht ein Buch, das keiner kennt? Das wäre doch was! Zwar will Bücher, die keiner kennt, auch keiner haben, aber das störte mich nicht. Ich war ja kein richtiger Antiquar mehr. Nur so ‘n Hobbyaltpapierhändler, der mehr liest als verkauft.

Mann! Was für ein wunderbarer Tag! Die Sonne lachte sich einen ab, vom Kiosk wehte eine warme Wurstbriese her, aus einem uralten Kassettenrecorder betörte uns die Rentner-Hymne “Too Old to Rock’n’Roll too Young to Die” von Jethro Tull. Ich sah den Opa, wie er mit seinen Riefenstahl-Schätzen in Salsaschritten davontanzte… Aber das war bei weitem nicht alles! Auch der Körperkult der 30er Jahre schien wieder in die Mode zu kommen: Ein paar Meter weiter reckte eine Frau einen antiken Kerzenständer gen Himmel wie einen Speer, als werde sie gerade für einen Riefenstahl-Film gecastet. Doch trotz dieser gigantischen Pose zeigte die Frau neben viel Bein und Busen keinen Willen zum Sieg, sondern ein wunderbares Lächeln. Warum auch nicht, wenn um sie herum, inmitten des alten, teils nach Moder riechenden Trödels, vier hübsche Kinder herumhüpften? Verursachten die Kleinen die Schweißperlen in ihrem Busental?… Oh, Mann, oh, Mann! “Mutti, den Ständer nicht!”, bettelte ein sechsjähriger Knirps. “Den Ständer muss ich kriegen!” Boah! So viel Symbolik kann keine Sau ertragen – nicht mal ein deutscher Schriftsteller.

Ah! Da! Ein Fluchtort! Ich stürzte mich auf die Bücherkiste, die gleich neben dem nackten Bein der schönen Mama mit dem Ständer lag. Wühl, wühl… Jessesmaria! So viel Flohmarktglück! Ich fühlte mich einfach super! Na, wenn in dieser Kiste nicht ein ganz besonderes Buchschnäppchen auf mich wartete?… Etwas ganz Abartiges… “Das Geschlechtsleben der bayerischen Landpfarrer” aus dem 19. Jahrhundert oder so was… he?… Was ist das? Das gibt’s doch gar nicht! Unten in der Kiste, unter all den Konsaliks und Simmels und Pilchers, lag mein eigenes Buch “Das traurige Ende des Märchenkönigs und andere Sexgeschichten”. Na, hör mal! Ein Buch von mir? Und das auf dem Flohmarkt? Bin ich schon so alt?

Flohmarkt

Klar zuckte es mir in den Fingern, das Buch zu signieren, doch gleich erinnerte ich mich an den traurigen Fall meines geschätzten Schriftstellerkollegen Falko Hennig. Als Falko zum ersten Mal in einer Buchhandlung sein eigenes Buch entdeckt hatte, war er so glücklich, dass er es sofort signierte. Das gefiel aber dem Buchhändler gar nicht. “Wer kauft jetzt so ‘n bekritzeltes Buch?”, regte er sich auf. Und so musste Falko sein allererstes Buch, das er in einer Buchhandlung gefunden hatte, auch selbst kaufen.

Also! Nur nicht signieren! Auf keinen Fall! Aah… Mensch! Die schöne Mama mit dem Kerzenständer schaut mich jetzt tatsächlich verwundert an, überlegt, runzelt die Stirn und sagt plötzlich: “Jaromir Konecny?.. Bist du’s wirklich? Ich hab dich mal bei einer Lesung gesehen!”…

Oh, Gott! Oh, Gott! Wenn so was mal passieren würde, dann würde ich glatt alle Bücher in der Wühlkiste signieren – auch die von Konsalik… – passiert aber nicht. Ich kaufe ihr mein eigenes Buch trotzdem ab. Für einen Euro. Man weiß doch selbst, wie all diese schönen Bücher in der Kiste nach ein paar Flohmärkten ausschauen. Ich streife mit dem Blick zum letzten Mal den hübschen Busen und gucke anschließend gen Himmel. Und schon tauchen die Wolken auf. Also nichts wie weg hier – nach Hause – Schnäppchen sichten. Bis zum nächsten Samstag, also, schöne Frau! Tschüss, Kinder! Ciao!

Tja, nicht nur als Antiquar – auch als Schriftsteller wirst du wohl nur reich an Büchern. Bücherberge in der Wohnung! Und das alles von mir selbst geschrieben? Um Gottes Willen!

24. April 2007

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17 Kommentare

  1. Hagen vant Eems schrieb am May 13, 2007:

    „Armer Schriftsteller!?“ möchte man rufen. Da liegt sein Werk unter Dutzenden anderer Bücher vergraben in irgendeiner Kiste und außer ihm selber fällt´s keinem auf. Sähe man sich einmal genauer um auf den vielen, vielen Flohmärkten dieser Welt, so würden sich außer den Dutzenden in jener Kiste weitere Millionen und Abermillionen (Milliarden vielleicht?) von Büchern unterschiedlichster Titel aus den letzten 500 Jahren finden. Wozu also noch ein weiteres schreiben? Damit es vielleicht gelesen wird? Oh Zeiten oh Hoffnung! Lieber einen kurzen Kommentar auf dieser Seite…

  2. Jaromir Konecny schrieb am May 14, 2007:

    Tja, die Hoffnung, gelesen zu werden – die stirbt nie. Man wird nun mal Schriftsteller, um die Leute mit anderen Mitteln belabern zu können. Wenn man in den Augen seiner Nächsten nur Panik sieht, sobald man den Mund aufmacht, um wieder mal eine große Rede zu schwingen, bleibt einem nichts anderes übrig, als den Computer vollzulabern.
    Liebe Grüße
    Jaromir Konecny

  3. wolf klement schrieb am May 15, 2007:

    schweigen schweigen schweigen schweigen schweigen
    schweigen schweigen schweigen schweigen
    schweigen schweigen schweigen schweigen schweigen

    nach eugen gomringer

  4. Jaromir Konecny schrieb am May 18, 2007:

    Schön, schön… aber doch absurd! Auch der geniale Gomringer musste uns mit seinem “schweigen” voll labern. Ein Dichter halt! Einmal “schweigen” hat ihm nicht gereicht. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass die Buchdicke mit zunehmendem Alter des Buchverfassers zunimmt? Wie schön dünn zum Beispiel John Irvings Frühwerk “Die wilde Geschichte vom Wassertrinker” war, im Vergleich zu seinen späteren Büchern. Dabei gar nicht so schlecht. Vielleicht sogar sein bester Roman.
    Liebe Grüße
    Jaromir Konecny

  5. Uwe Gaitzsch schrieb am May 22, 2007:

    He Jaromir,

    wenn einer auf dem Flohmarkt die eigenen Bücher kauft, dann muss es ihm aber schlecht gehen! Jedenfalls schlechter, als er meinte, es ginge ihm später, in dem Moment, als er das Buch geschrieben hatte und ein weltruhmbehafteter Autor werden wollte. Aber wenigstens ist das Buch überhaupt da und jetzt in guten Händen

    Uwe

  6. Jaromir Konecny schrieb am May 22, 2007:

    Hi Uwe,
    ich sag’s mal so: Hin und wieder muss man seine eigenen Bücher auf dem Flohmarkt kaufen, damit man Stoff für weitere Geschichten hat.
    Liebe Grüße
    Jaromir

  7. ehm.g@web.de schrieb am June 6, 2007:

    Die Schriftsteller schießen ja im Moment wie die Pilze aus dem Boden – mindestens für die Pilze selbst ist das ja gut: Sie verwerten was, wandeln um. Nimm deinen Mist und mach Dünger draus…Vornehmer ausgedrückt: ein wertvoller Srukturierungs- und Bewußtwerdungsprozess ist das.Begrüßenswert!Ob das eine objektive Qualität erreicht,ist die erste Hürde und die zweite, ob der Verleger das auch so sieht. Vieles ,was das Licht der Welt erblickt wäre besser in einer Schublade geblieben. Oder?

  8. Jaromir Konecny schrieb am June 6, 2007:

    Ich freue mich eigentlich, wenn ich in der Kneipe sitze, und die Leute um mich herum etwas erzählen. Wenn sie’s nicht in die Kneipe zu kommen schaffen, sollen sie ihre Geschichte ruhig aufs Papier bringen und von mir aus auch Schriftsteller werden. Das Erzählen ist nun mal ein menschliches Grundbedürfnis, und Schriftsteller finde ich nicht so gefährlich. Auch wenn sie nur was “schubladen-compatibles” schreiben. Da machen mir viele andere Berufe viel mehr Angst.
    Liebe Grüße
    Jaromir

  9. wolfgang gerlach schrieb am June 21, 2007:

    wurstbrise

  10. Jaromir Konecny schrieb am June 22, 2007:

    Hallo Wolfgang,

    ich bleibe nun mal Tscheche, der ich bin, und so schreibe ich hin und wieder auch “Wurstbriese” statt “Wurstbrise”. (Übrigens klingt “Wurstbriese” in meinen tschechischen Ohren viel schöner als “Wurstbrise”.) Wenn Du hier weiter mit liest, wirst Du sicher auch Schlimmeres finden. Das müsste doch Ansporn genug sein, meine Kolumne zu verfolgen, oder?

    Liebe Grüße

    Jaromir

  11. Dirk schrieb am June 22, 2007:

    @Wolfgang: danke für den Hinweis. Wurstbrise werde ich gleich hier posten.

    Gruß an dich und Jaromir
    Dirk

  12. Wolfgang Herrmann schrieb am June 23, 2007:

    Beide Male, als im Haupttext das Wort Buchschnäppchen kam, habe ich doch unwillkürlich Busch-Näppchen zu lesen gemeint… Neulich machte ich nämlich selber, äh…, ein selbiges, und zwar bei der “Alles muss raus”-Aktion eines aufgabebereiten Laienantiquars. Verdammt, besser wäre es, “aufgabe-bereiten Laien-Antiquars” zu schreiben, um der gleichen Gefahr wie im Falle des Buch-Schnäppchen zu entgehen. Nach der Formel “1cm Buch-Rücken-Höhe = 1€” wechselte ein Titel in meinen Besitz, der sich beim detail-genauen Hin-Sehen als Titel aus einer gewissen Spezial-Spanien-Sammlung herausstellte und schon sechzig Jahre als Kriegs-Verlust geführt wurde. Worauf ich ihn kulanter-weise zurück-gab, was mir im Nach-Gang das Dank-Schreiben des General-Direktors – halt: hier schreibe ich zwecks Vermeidung eines Irrtums doch besser “Generaldirektors” – der besagten Bibo einbrachte. Wenn das nicht ein Schnäppchen ist, dann weiß ich wirklich nicht, was noch gemeint sein könnte… Oder hat schon mal einer eines von einem gekriegt, he? Na dann, Weidmannsheil, beim Schnappen! Ein DD-Wolfgang

  13. Jaromir Konecny schrieb am June 26, 2007:

    Schön das Busch-Näppchen, Wolfgang! Kannst Du aber auch die Tschechen unter uns in Sachen Semantik aufklären? Wäre hier “Busch-Näppchen” die niederdeutsche Form von “Busch-Näpfchen”? Oder meinst Du “Busch-Neppchen”? Ach, die Feinheiten der deutschen Sprache! Wie dem auch sei. “Buch-Schnäppchen” und “Busch-Näppchen” – damit könnte man eine ganz abartige Art des Schüttelreims entwickeln. Hat jemand Vorschläge?

    Liebe Grüße

    Jaromir

  14. Dirk schrieb am June 26, 2007:

    Kein Schüttelreim, aber es reimt sich – auch wenn’s weh tut. Und was sich reimt, ist gut:

    Rotkäppchen, auf der Suche nach Buchschnäppchen,
    Fand unter einem verfallenen Bruchtreppchen
    Eines Tages tatsächlich ein Wilhelm-Buschschnäppchen!
    Stieß darauf an mit nem Gläschen Rotkäppchen
    Und kippte hinter gleich noch einige Fluch-Schnäpschen.

  15. Jaromir Konecny schrieb am June 26, 2007:

    Danke fürs Mitmachen, Dirk! Nach dem schönen Motto – “Reim dich oder stirb!” Jetzt bin ich neugierig, ob Dich jemand mit seinen Reimen überhaupt noch trumpfen kann. Ich bin auf jeden Fall schon am Überlegen, aber zuerst muss ich unsere Jungs von der Schule abholen.

    Liebe Grüße

    Jaromir

  16. Bücherlei Weblog » Blog Archive » #327 schrieb am April 13, 2010:

    […] das Beutetier und das Wesen des Kapitalismus Bücher für die Blöden Der Schatz im Altvatergebirge Auf Schnäppchenjagd Tiroler […]

  17. Auf Schn » Erotik Search schrieb am October 4, 2011:

    […] ZVABlog ? das Blog des ZVAB rund um das antiquarische und vergriffene Buch: Kolumnen von Ulrich Faure und Nicola Bardola, ZVAB Lesetipps, Aktuelle Meldungen zu Literatur, Kunst und Musik. http://blog.zvab.com/2007/04/24/auf-schnaeppchenjagd-flohmarkt-anekdoten/ […]


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