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Alois Carigiet – Von koloristischer Vielfalt und Freiluft-Bilderbüchern

von bardola
Alois Carigiet

In meinem Engadiner Heimatdorf Sent gibt es einen Brauch namens „Chalandamarz“, der dank Alois Carigiet weltbekannt wurde: Als noch die Römer ganz Rätien besetzt hielten, war am ersten März Jahresbeginn. An diesem besonderen Tag wurden die dunklen und bösen Geister des Winters vertrieben. Jetzt sind es Schulkinder, die mit Kuhglocken singend durch die Dörfer der hochalpinen Schweiz ziehen. Im Buch Schellen-Ursli setzt Alois Cargiet Ereignisse in Szene, die von der Bündner Schriftstellerin Selina Chönz Ende der 1930er Jahre in einen schlichten und eingängigen rätoromanischen Text gefasst worden waren.

Ursli ist ein Bauernjunge im idyllischen Bergdorf Guarda, der am Vortag des Chalandamarz von seinen Freunden gehänselt wird, weil er nur ein Glöckchen hat. Wütend und traurig erinnert er sich an die prächtige Kuhglocke oben in der Alphütte. Sein einsamer Beschluss steht bald fest: Alleine wandert er hoch hinauf durch Wälder, über Felsen und Brücken bis zum Maiensäß, wo der Schnee noch knietief liegt. Glücklich erreicht er die Hütte, findet die Glocke und übernachtet dort oben fernab seiner Familie in Gesellschaft nur von Tieren, während unten das ganze Dorf nach ihm sucht. Am ersten März vormittags taucht er zur Erleichterung aller mit der Glocke zu Hause auf und darf den Chalandamarz-Umzug anführen. „Mir schien, die Bilder dazu hatte ich gleichsam in der Tasche. In einem Bauernhaus geboren, war ich mit dem Leben eines Bergbuben, seinen kleinen Verrichtungen in Haus und Stall und auf dem Maiensäss eng vertraut“, sagte Carigiet, der trotzdem über sechs Jahre für die Illustrationen seines ersten Bilderbuches brauchte, weil es immer scheinbar Wichtigeres gab, das dazwischen kam. Und doch wuchs derart langsam ein Meisterwerk, ein kräftig koloriertes und perspektivisch eigenwilliges Glanzstück moderner Bilderbuchmalerei heran.

Allein die wilde Brückenszene sucht heute noch ihresgleichen. Schellen-Ursli erschien erstmals 1945 und ist das erfolgreichste Schweizer Bilderbuch: Es wurde millionenfach in der ganzen Welt verkauft und ist bis heute das beliebteste Buch-Souvenir aus dem Unterengadin. Die Geschichte des Buben, der zunächst zu kurz kommt und sich mutig selbst zu seinem Recht verhilft, fasziniert Kinder heute ebenso wie vorangegangene Generationen. Der vielseitig interpretierbare archaische Ritus aus der Bergwelt, der Spannungsbogen vom traurigen Auftakt zum finalen Triumph, der erste kleine Abschied von den Eltern, der kindliche Ehrgeiz und der Wille sich selbst einen Wunsch zu erfüllen und die gelungene Selbstbehauptung in der Gruppe wurden in unfassbar ausdrucksstarken Bildern festgehalten. Enttäuschung, Stolz, Trotz, Aufbegehren, Risikobereitschaft, Ausdauer bis hin zur verdienten Belohnung strahlen in kräftigen Farben und in markanten Konturen.

Flurina und das Waldvöglein (erstmals erschienen 1952), wurde nicht so erfolgreich, steht künstlerisch dem Schellenursli aber nicht nach und ist immer noch ein Longseller. Ebenfalls gemeinsam mit Selina Chönz wiederholte Carigiet seine Kunst in Der große Schnee (1953). Wer sich einmal für Carigiets bunten Schwung und seine exakten Architekturstudien begeistert hat, wird den Bildern in Birnbaum, Birke, Berberitze (1967) und Maurus und Madleina (1969) nicht widerstehen können. Inzwischen gibt es in oberhalb von Guarda einen Schellen-Ursli-Erlebnisweg. Man erwandert das Bilderbuch von Tafel zu Tafel in der Original-Landschaft und erhält über den zweisprachigen Text hinaus Hintergrundinformationen zur Geschichte. Das Freiluft-Bilderbuch-Modell von Guarda ist so erfolgreich, dass vor drei Jahren auch ein Flurina-und-das-Wildvöglein-Wanderweg oberhalb von Scuol errichtet wurde.

Maurus und Madleina

Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung bleibt Carigiets Ästhetik aktuell und wegweisend. Es gibt wohl keine geeignetere Publikationen, um nach Elementen der Zeitlosigkeit für ein erfolgreiches Bilderbuch zu suchen. Der Schweizer Programmleiter der Atlantis Bilderbücher (des heutigen Verlages von Carigiets Bilderbüchern) und Literaturkritiker Hans Ten Doornkaat hat einen grandiosen Dia-Vortrag über den Schellen-Ursli erarbeitet, der hoffentlich bald wieder auch in Deutschland zu bewundern sein wird.
Alois Carigiet wurde 1902 in Trun, in Graubünden geboren und starb dort 1985. In Chur absolvierte er eine Lehre als Dekorationsmaler und arbeitete danach in einem Werbeatelier in Zürich. 1927 eröffnete er ein eigenes Atelier, war Mitbegründer des legendären Kabarett Cornichon, entwarf Bühnenbilder und Kostüme und beschloss schließlich 1939 als freischaffender Künstler zu arbeiten.

1966 gewann Alois Carigiet den „Kleinen Nobelpreis“, den Hans Christian Anders Award und im selben Jahr für Zottel Zick und Zwerg den Schweizer Jugendbuchpreis.

 
 

 

28. February 2007

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1 Kommentar

  1. Birk, Paul schrieb am December 9, 2008:

    Ein großes künstlerisches Vorbild und ein wundervoller Mensch.


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