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Paula Fox – Emotionaler Realismus

von bardola

Die amerikanische Autorin Paula Fox, versteht wie nur wenige die Kunst, eigenes Erleben in Literatur zu verwandeln und in ihren Memoiren aufzuzeigen, wie ihre autobiographischen Fiktionen mit der Realität zusammenhängen. In Artikeln und Interviews, über 20 Kinder- und Jugendbüchern, sieben ins Deutsche übersetzten Romanen für Erwachsene und nicht zuletzt in In fremden Kleidern. Geschichte einer Jugend gibt sie Selbstauskunft und erzählt von ihrem bewegten Leben, das mehr als genug Stoff für diverse Bücher bietet.

Paula Fox wurde 1923 in New York City geboren. Ihre Eltern – der Vater war irisch-englischer Abstammung, ihre Mutter kam aus Kuba – ließen sie zunächst bei einem Pastor aufwachsen, mit sechs Jahren kam Paula Fox in ein Kinderheim nach Kalifornien. Zwei Jahre später zog sie zu der Familie ihrer Mutter nach Kuba, wo sie auf einer Zuckerrohrplantage lebte. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr war Paula Fox bereits auf neun verschiedene Schulen gegangen. 1933 kehrte sie zusammen mit ihrer Großmutter nach New York zurück. Wie ihre Mutter mit Paula, so wurde sie selbst gerade einmal 19-jährig 1942 mit ihrer ersten Tochter Linda schwanger. 1943 gab Paula Fox Linda kurz nach der Geburt zur Adoption frei. Rund vierzig Jahre später suchte Linda ihre Mutter und fand sie.

Paula Fox ist verheiratet, hat drei Kinder, mehrere Enkel- und Urenkelkinder. Ruhm und ein bewegtes Leben scheinen in der Familie zu liegen: Courtney Love, Sängerin, Schauspielerin und Witwe des „Nirvana“-Sängers Kurt Cobain ist eines von den insgesamt fünf Kindern Lindas – und somit eine der Enkeltöchter Paula Fox’.

Anfang der 1990er Jahre war hierzulande kein einziges der Bücher für Erwachsene von Paula Fox mehr lieferbar. Auch in den USA und in England war die Fox’sche Belletristik restlos „out of print“. Ihre Romane, die heute mit denen von Bellow, Roth oder Updike verglichen und oft höher eingeschätzt werden, wurden vor allem dank Jonathan Franzens Engagement Anfang der 90er Jahre wiederentdeckt. Ihre Kinder- und Jugendbücher hingegen sind zumindest antiquarisch immer präsent geblieben. Sie wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. zweimal mit der Newberry Medal und 1978 mit dem „kleinen Nobelpreis“, dem Hans-Christian-Andersen-Award für das Gesamtwerk.
Manche Bücher wie Die einäugige Katze (C. Bertelsmann) sind früher unter anderen Titeln bei anderen Verlagen erschienen. Freundschaft mit der wilden Katze hieß der Kinderroman bei Benziger. Darin wird vom elfjährigen Ned erzählt, der sein neues Luftgewehr nicht benutzen darf. Der Onkel hat es ihm geschenkt, der Vater aber hat es ihm für Jahre verboten. Die Versuchung ist zu groß: Eines Nachts schießt er auf einen Schatten. Als wenig später eine wilde einäugige Katze auftaucht, befürchtet Ned, dass er sie verletzt hat. Ned setzt alles daran, der verletzten Katze zu helfen. Paula Fox taucht dieses kleine Drama in eine packende Sprache, die kindliche Gemütstiefen auslotet. Dasselbe gilt für das Buch Der Schattentänzer, das ebenfalls bei Benziger erschien und es 1988 auf die Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis schaffte. Es erzählt von einem Mädchen, das nach der Trennung der Eltern in einem Internat lebt und während der Sommerferien mit ihrem Vater merkt, dass es ihn zu Unrecht idealisiert. Besonders lesenswert bleiben auch Jenseits der Lügen (Carlsen) und Paul ohne Jacob (Sauerländer) und viele weitere Romane von Paula Fox, die auf unnachahmliche Weise auch schwierige Themen wie Aids und das Down-Syndrom thematisieren.

In Inselsommer (C. Bertelsmann), einem der schönsten Jugendbücher von Paula Fox, soll die 11-jährige Elizabeth die Sommerferien bei ihrer einsam und zurückgezogen lebenden Großmutter auf einer kleinen Insel in der Penobscot Bay, oben in Maine, fast auf der Höhe von Montreal, verbringen, denn zuhause dreht sich alles um ihren neugeborenen Bruder. Elizabeth fühlt sich in den kalten Norden abgeschoben und zunächst unwohl in der neuen Umgebung, in Grans Holzhütte ohne fließendes Wasser, Strom und Telefon, dafür mit Handpumpe und Holzofen. Elizabeth muss sich wohl oder übel an das einfache Leben gewöhnen. Die Offenheit und die Ruhe der Großmutter überraschen jedoch das Mädchen.

Eine Winterlandschaft. Zwei Krähen saßen auf einem Zaun, der sich schräg über ein schneebedecktes Stoppelfeld bis an den Horizont erstreckte. Elizabeth mochte dieses Bild gern und sie hatte es Gran einmal gesagt.
‚Es sieht genau aus wie die Landschaft, die ich im Winter vor dem Fenster sehe. Darum mag ich es so.’
‚Magst du nur, was du erkennen kannst?’, hatte Gran gefragt. Sie schien wirklich interessiert an Elizabeths Antwort.
‚Wie kann ich etwas mögen, das ich nicht erkenne?’, hatte Elizabeth nach kurzem Überlegen gefragt.
‚Warum musst du alles mögen?’
Elizabeth war sprachlos.
‚Ich meine’, fuhr Gran ungewöhnlich sanft fort, ‚man sollte die Welt nicht zweiteilen in das, was man mag, und in das, was man nicht mag. Kannst du dich nicht einfach nur für etwas interessieren? Ohne Gedanken daran, ob du es magst oder nicht?’

Viele kluge und anrührende Dialoge und Ereignisse prägen dieses Buch. Natur, Farben, Lichter und Schatten werden kunstvoll in die Schilderungen der letzten Sommertage der Großmutter Cora mit ihrer Enkelin Elizabeth eingefügt. Das Mädchen fühlt sich einerseits herausgefordert, andererseits ernst genommen und beginnt, die Schönheit der es umgebenden Natur mit den Augen der alten Malerin wahrzunehmen. Abends, wenn Gran müde von ihrer Arbeit an der Staffelei ist, hört Elizabeth ihr gerne noch zu. Gran erzählt Familiengeschichten, von denen die Enkelin nichts ahnte. Allmählich entstehen für die Romanfiguren und ebenso für die Leser kaum wahrnehmbar Zuneigung und Vertrauen zwischen Enkelin und Großmutter.

Elizabeth lernt bei einer Inselwanderung Aaron kennen. Als sie sich wieder treffen, fragt er sie, ob sie etwas zu essen dabei habe. Sie antwortet mit einem Gedicht, von dem Gran ihr erzählt hatte.

’Mit Wörtern kann man alles machen’, sagte Aaron. ‚Außer essen. Deirdre sagt manchmal zu mir, ich soll irgendwelche Wörter runterschlucken. Das geht nicht. Und zurücknehmen kann man sie auch nicht. Sie hocken da wie große, feuchte Frösche.’

Elizabeth und Aaron entdecken Gemeinsamkeiten und richten sich auf einen ruhigen aber zumindest gesprächigen August ein. Doch in einer Sturmnacht ertrinkt Aaron beinahe und Gran erleidet einen Kollaps. Erst am Ende des Romans erfahren Elizabeth und die Leser, dass Gran herzkrank ist und das Mädchen spürt in dem Augenblick, wie sehr es Gran liebt. Es bleiben Grans Bilder – ihre letzten – eine Serie mit und für Elizabeth. Das Mädchen war am Ende das wichtigste Motiv für seine fotografierende und malende Großmutter.

In diesem stillen Roman erkundet Paula Fox untergründige Strömungen und lauscht dem leisen Rumoren des Alltäglichen. Man hat Fox eine „Virtuosin des emotionalen Realismus“ genannt. Zu Recht, wie auch dieser Roman beweist.

25. January 2007

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