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Collodi forever

von bardola

“Es war einmal … ein Stück Holz.” Was wie ein Märchen beginnt, verbindet narrative Elemente der Satire, des Entwicklungs- und Reiseromans, der Fabel, der Commedia dell’arte und der phantastischen Literatur zu einem neuen Genre, der Pinocchiade. Vor 180 Jahren wurde Carlo Collodi als Sohn eines Kochs und eines Dienstmädchens in Florenz geboren. Der Siegeszug seines Holzbengels ist seither ungebrochen. In allen medialen Formen auch neuesten Datums ist der “Pinienkern” präsent, zuletzt beispielsweise in Ottos Zwergen-Film.
Ein Blick in die große Auswahl an verschiedensten Buchausgaben lohnt sich, denn inzwischen gibt es Pinocchios für jeden Geschmack. Aber Collodi gilt zu unrecht als One-Book-Author: “Pipi oder das rosarote Äffchen” ist der Titel einer der gelungensten Erzählungen aus Collodis Band “Storie allegre” (“Lustige Geschichten”). Beim ersten Hinsehen könnte man den kleinen Affen Pipi für einen Jungen von etwa acht Jahren halten. Er ist wie sein weltbekannter hölzerner Bruder sehr schlecht erzogen. Hinzu kommt seine lästige Gewohnheit, Erwachsene nachzuahmen. Als er eines Tages eine Pfeife stiehlt und seiner Familie vorführt, wie die Menschen rauchen, wird es Pipis Vater zu bunt. Er warnt seinen Sohn davor, weiterhin Menschen nachzuäffen. Irgendwann werde er dadurch selbst ein Mensch.
Tatsächlich gelangt Pipi über kuriose Umwege wie seiner Entführung in die Menschenwelt und trifft dort auf Alfredo, den er als seinen Diener auf eine Weltreise begleitet. Pipis Leben nach dem menschlichen Lustprinzip (er wird bei Alfredo nach Herzenslust gefüttert) geht nicht lange gut, denn der Konflikt des Tierkindes, das in eine fremde Rolle schlüpft, wird immer dramatischer. In dieser erstaunlich modernen Geschichte lernt man nicht nur einige Brocken Affensprache, sondern stellt fest, dass sie auch unter literarischen Gesichtspunkten mit dem Klassiker Pinocchio vergleichbar ist. Die Moral aber ist undeutlicher: Pipi befindet sich stets in der Schwebe zwischen seiner wahren, für ihn eher langweiligen Identität als Affe, die freilich von Geburt her (“eine Laune der Natur”) gestört ist und seiner Sehnsucht, Mensch zu sein, um von den Vorteilen der bekleideten Zweibeiner zu profitieren. Collodi erhebt keinen Zeigefinger und lässt den Horizont wie bei guter zeitgenössischer Literatur offen. Das verleiht dem rosaroten Affen einen besonderen Rang.
Lesen Sie hier die ausführliche Langversion des Artikels!

8. January 2007

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