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Anthony Burgess: Der Hexenmeister aus Manchester

von faure

Es ist ein ärztliches Urteil, dem wir – so heißt es wenigstens – das Erwachen eines der bedeutendsten literarischen Genies des vergangenen Jahrhunderts zu verdanken haben: Der am 25. Februar 1917 in Manchester geborene Lehrer für Englische Literatur John Anthony Burgess Wilson erhielt 1959 die verheerende Diagnose, an einem inoperablen Gehirntumor zu leiden: Er möge sich innerhalb der nächsten 12 Monate schon auf sein Ableben gefaßt machen, bedeutete ihm der Arzt.

Schreiben im Angesicht des Todes?

Doch anstatt über dieses Urteil in Verzweiflung zu verfallen, setzt sich der Patient an den Schreibtisch und tippt fünf Romane herunter, um seiner Frau etwas “Persönliches” zu hinterlassen. Und schreibt weiter, jeden Tag. Doch die ärztliche Diagnose irrte. Als Anthony Burgess legt der schließlich weltbekannte Schriftsteller bis zu seinem Tode am 25. November 1993 über 40 Bücher vor: Romane, Kinderbücher, Essays, Biographien.

Wie alle Legenden, so dürfte auch diese nur zum Teil wahr sein, aber zweifelsohne wird der welterfahrene Mr. Burgess (er war im Kolonialdienst in Südostasien, arbeitete als Erziehungsoffizier der Britischen Armee in Malaysia und auf Borneo und lebte in Schottland, Gibraltar, Malta, North Carolina, Bracciano, Rom, New York, New Jersey, Monaco, Lugano) dem Leser auf ewig mit dieser grausam-absonderlichen Krankengeschichte im Gedächtnis bleiben. Nachgewiesen ist freilich, daß er bereits 1949, also zehn Jahre vor der Todesdiagnose, seinen ersten Roman, “A Vision of Battlement” vollendet hatte, publiziert wurde dieses Buch allerdings erst 1965.

Ein Musiker, der Romane schreibt

Mit zwei Jahren verliert Anthony Burgess Mutter und Schwester, sie werden Opfer einer Grippe-Epidemie. Der Vater bringt sich und seinen Sohn als Klavierspieler in Stummfilmkinos durch – der kleine Anthony scheint von diesem musikalischen Talent jedoch nichts geerbt zu haben: Er erhält zwar mit sieben Jahren Geigenunterricht, aber der Musiklehrer schickt ihn lieber in einen nahegelegenen Park, als sich sein talentfreies Gefiedel zuzumuten. Erst später, als Burgess Debussys “L’après-midi d’un faune” hört, platzt bei ihm der musikalische Knoten: Komponieren muß er! Und tut es mit der gleichen Intensität, die ihn seine Romane schreiben läßt.

In einem der Zeitung “La stampa” gewährten Interview hat Burgess seinen Arbeitstag beschrieben: “Morgens nach dem Tee setze ich mich an die Maschine: Tausend Wörter pro Tag, auch am Wochenende. Drei Seiten vollkommen ausgearbeitet getippt. Bei diesem Tempo schafft man ein Buch wie ‚Krieg und Frieden’ in einem Jahr, oder in anderthalb. Wenn ich mit der Arbeit fertig bin, koche ich. Nachmittags komponiere ich. Das ist für mich eine Notwendigkeit. Ich wollte, ich würde als ein Musiker angesehen, der Romane schreibt, und nicht als ein Schriftsteller, der komponiert.”

Es entstehen Sinfonien, Kammermusik, sogar ein Musical nach James Joyce’ “Ulysses” – und all das liegt in den Archiven der BBC. Der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst, der unter dem Titel “Der Fürst der Romane” eine grandiose “Radio-Unterhaltung über Anthony Burgess” veröffentlicht hat (nachzulesen hier: Der Fürst der Romane), versuchte mehrfach, an diese verschollene Musik heranzukommen, aber “275 Pfund – englische Pfund! – pro Sendeminute”, so Herbst, bieten die absolute Sicherheit, daß die Werke auch weiterhin unter Verschluß bleiben werden. Halten wir uns also ausschließlich an den Schriftsteller Burgess.

Fiction und Biographien

Literaturwissenschaftlich mag es nicht zulässig sein, Burgess’ Werk in zwei Hauptkategorien zu unterteilen: in Fiction, also “erfundene” Romane, sowie in romanhafte Biographien, praktisch ist es allemal. Zu den Biographien gehören seine breit angelegten, detailliert Zeitgeschichte und -umstände spiegelnden Bücher über William Shakespeare, D.H. Lawrence, Ernest Hemingway und Christopher Marlowe (unter dem Titel: “Der Teufelspoet”) – dies nur die ins Deutsche übersetzten Werke. Schwieriger wird es bei einer solchen Einordnungs”methode” mit der “Napoleonsymphonie”, einem experimentellen “Roman mit großem Orchester” oder der Apostelgeschichte “Das Reich der Verderbnis”, übrigens literarische Vorlage für die erfolgreiche Fernsehserie “Anno Domini”. Und gar erst “Joyce für Jedermann” – ein Buch, das jedem Leser vor Augen führt, ein wie unterhaltsamer Autor James Joyce sein kann, wenn man nur den richtigen Blick auf seine Werke hat!

Und jede Menge “reales Personal” läuft in Burgess’ “Fiction” herum: Trotzki, Sigmund Freud, Einstein, Goebbels, Joyce natürlich und viele andere. Virtuos vermischt der Autor Dichtung und Wahrheit, historisch nachprüfbare Fakten und Erfindungen – natürlich hat er damit das Etikett “Unterhaltungsschriftsteller” am Hals: gemeint selbstredend im Sinne von “minderwertiger Autor”, und das sogar in England, wo man zwischen U(nterhaltung) und E(rnst) nicht so streng unterscheidet wie bei uns.

Nur ein Unterhalter?

Wäre der böse Unterton nicht, müßte vorbehaltlos zugestimmt werden: Ja, Burgess unterhält! Und zwar auf intelligenteste, spannendste Art. Das begriff schließlich selbst das “Times Literary Supplement”, worin Burgess 1973 noch als zweitklassigen Romancier abgetan wurde, sechs Jahre später gilt er derselben Zeitung bereits als Nachfolger James Joyce’. Das eine ist so unsinnig wie das andere… Besser schon, sich des Lobes Jorge Luis Borges’ zu erinnern: “Wir sind dieselbe Person – Borges, Burgess. Es ist derselbe Name.” Der argentinische Dichter trieb den Spaß (?) auf die Spitze und nannte sich einmal den argentinischen Burgess…

Auf Deutsch liegt nur die knappe Hälfte des erzählerischen Werkes von Burgess vor, zumeist in ausgezeichneten Übertragungen (wichtige Burgess-Übersetzer sind Joachim Kalka, Wolfgang Krege, bekannt als Tolkien-Übersetzer, Stefan Weidle, Friedhelm Rathjen). In Deutschland hat er auch weniger an der Abqualifizierung als Trivialautor zu leiden gehabt: “Seine Romane sind Meisterwerke der Satire, des schwarzen Humors u. der grotesken Charakterstudie”, bescheinigt ihm Gero von Wilperts “Lexikon der Weltliteratur” ganz richtig – immerhin ist das ein Standardwerk.

Der nervende Ruhm

Ruhm erlangt Burgess mit “Uhrwerk Orange” (1962). Das Buch wird allerdings erst durch die Verfilmung von Stanley Kubrik (1971) zum Weltbestseller – und Burgess sieht sich bald auf dieses eine Werk – beileibe nicht sein bestes! – reduziert und damit auch gründlich missverstanden: Englische Jugendbanden zogen wie Burgess’ Figuren im Buch marodierend durchs Land und meinten, den “Segen” des Autors dafür zu haben.

Renommierte Literaturpreise hat der große Außenseiter der Literatur nicht erhalten. Für sein bedeutendstes Werk “Der Fürst der Phantome” war er zwar für den Booker-Prize nominiert, aber er hat ihn für das unglaublich vielschichtige Werk nicht erhalten. Und, wie er in seiner nicht ins Deutsche übersetzten Autobiographie erzählt: Er hat auch nicht erwartet, ihn zu kriegen. In diesem fast 1000 Seiten dicken Roman – der zugleich eine vielfarbige Jahrhundertschau ist – soll der Ich-Erzähler, ein homosexueller Schriftsteller, eine Biographie eines seiner Freunde, Papst Gregor XVIII., schreiben – und natürlich hat dieser Papst ein außerordentlich bewegtes und sinnenfreudiges Leben geführt…

Erzähler ohne Patina

Verdient hätte Burgess den Booker-Prize sehr wohl – und eine ganze Reihe anderer Auszeichnungen dazu. Denn kaum ein anderer Autor besitzt eine solche erzählerische Bandbreite wie er: Burgess “kann” neben seinen romanhaften Biographien Agententhriller, historische Romane, Künstlerromane, Science-fiction, experimentelle Prosa (“Napoleonsymphonie”) – alle diese Bücher schrieb er in der ihm eigenen Verschmitztheit und sprachlichen Virtuosität. Er beherrschte mindestens sieben Sprachen, darunter Malaiisch, Russisch, Chinesisch. Für “Uhrwerk Orange” erfand er eigens eine Sprache – Nadsat, eine verballhornende Mischung aus Englisch und Russisch, die von Walter Brumm grandios ins Deutsche herübergeholt wurde.

Passend zur derzeitigen Quiz-Mania in Deutschland sollte man “Ein-Hand-Klatschen” (das Original erschien allerdings schon 1961!) lesen: Daß es allerdings bei dem lustigen Ratespiel um Kopf und Kragen geht, merkt der Leser erst ganz zum Schluß. Urkomisch und todtraurig Burgess’ “Mann am Klavier” – mit diesem Buch wollte er nach eigener Aussage “eine bestimmte Schuld” gegen seinen Vater loswerden.

Enderby

Grotesk komisch seine in drei Bänden niedergelegte “Enderby”-Geschichte; in dieser Figur hat Burgess sich selbst auf die Schippe genommen: Enderby, der feinsinnige Poet, der seiner Kunst nur auf der Toilette – und sei’s einer öffentlicher – nachgehen kann, was die aberwitzigsten Situationen heraufbeschwört.

Gleich drei Romane in einem sind eigentlich in “Erlöse uns, Lynx” enthalten – die Exilgeschichte Sigmund Freuds, ein Musical über Trotzki und die atemberaubende Story des längst stattgehabten Weltuntergangs durch Kollision der Erde mit dem Vagabundenstern Lynx: Burgess läßt seinem apokalyptischem Humor freien Lauf. Den gibt es in allen seinen Romanen. Weshalb sie auch resistent gegen jegliche Art von Patina sind…

Schöne Bildergalerien von Burgess und seinen Büchern:
http://www.anthonyburgess.org

Ein langes Interview mit Burgess als Audiostream:
http://www.wiredforbooks.org/anthonyburgess

17. September 2006

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6 Kommentare

  1. jethro schrieb am September 19, 2006:

    Das ist ein toller Autor! Burgess meine ich….

  2. johannes schrieb am October 29, 2006:

    Toller Artiker, toller Schriftsteller. Mein bisheriges Lieblingsbuch ist “Der Mann am Klavier”. Ich habe selten eine so traurig schöne Geschichte mit einer so lebendigen Erzählweise gelesen. Und am Ende dann diese unglaubliche Anekdote die das Buch für mich unsterblich gemacht hat. Unbedingt zu empfehlen!

  3. Shizi schrieb am November 7, 2006:

    Hab leider bisher nur Clockwork orange gelesen, möchte aber auf jedenfall weitere Bücher von ihm lesen, wo man ja bei Gott ne große Auswahl hat…

  4. Orlando schrieb am June 28, 2007:

    Burgess Roman “Der Fürst der Phantome” ist ohne Zweifel einer der sprachmächtigsten Romane des 20. Jahrhunderts. Mir wurde der Zugang allerdings erst einmal verbaut durch den grauenhaften deutschen Titel (im Original: “Earthly Powers”) und die nicht minder grauenhafte Umschlaggestaltung des im Klett-Cotta erschienenen Mega-Werks. Wie hier fast ein Jahrhundert erzählt wird, mit welcher Ironie und mit welch musikalischem Sprachfeuerwerk, mit welch aufklärerischem Furor, mit welchem Humor: das ist nie wieder erreicht worden. – Auch von Burgess selbst nicht. Und: Der Roman hat, auch beim Wiederlesen nach 25 Jahren, keinerlei Staub angesetzt. Ein Wunder, ein Geniestreich. Gehört in die Top-Ten der Weltliteratur – aller Zeiten.

  5. landscape schrieb am October 8, 2007:

    “Tremor” und “Honig für die Bären” (die bissigsten Auslässe, die man sich im Kalten Krieg vorstellen kann – man denke an Billy Wilders 1, 2, 3!) sind total witzige Bond-Parodien, “Enderby” ist subtiler und beschreibt einen früh gealterten Poeten, der allmählich ins Leben zurück geschubst wird, und Lynx ist gebunden wunderschön und erinnert an romantische Spielereien à la ETA Hoffmann (Kater Murr). Den einzigen Flop, meiner Ansicht nach, landete er mit “Rom im Regen”.
    Im Original leicht lesbar und als notwendige Ergänzung der Enderby-Reihe anzusehen ist “Enderbys Dark Lady” – der vierte Roman aus der Reihe. Das Clockwork Testament kenne ich noch nicht, das ist der dritte Band…
    Bei “Fürst der Phantome” hatte ich immer den Eindruck, viel zu wenig über die Bezüge zu wissen – es ist ja ein Buch mit tausend Verweisen. Und den kompositorischen Aufbau der Napoleon-Symphonie habe ich leider auch nicht erkennen können – da fehlt mir das Wissen.
    Der “Teufelspoet” ist ein wirklich gelungener historischer Roman, atmosphärisch sehr dicht.
    Es fehlt “Der lange Weg zur Teetasse”, so eine Art Alice im Wunderland. Gab es mal bei Haffmans von Harry Rowohlt übertragen; bin nicht ganz überzeugt von dem Band…

  6. christian holzinger schrieb am July 27, 2010:

    Ich halte immer noch “Uhrwerk Orange” für das beste Buch von A.B. Vor allem weil ich kein Buch kenne, dass dem ähnlich wäre und je öfter man es liest (schon mindestens 20 x) um so mehr Spaß hat man daran. Man sollte aber unbedingt darauf achten, die Übersetzung von Walter Brumm zu bekommen. Was Klett-Cotta mit der Neuübersetzung durch Wolfgang Krege eingefallen ist, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Ein Schande, dass sich diese Übersetzung durchgesetzt hat.
    Zwei Bücher fehlen mir. Das Buch über “New York”. Eine der wohl interessantesten und zeitweise auch liebeswürdigsten Beschreibungen über diese Stadt und eines meiner Lieblingsbücher “Wiege, Bett und Recamier” – eine kleine Kulturgeschichte des Liegens.


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